Einfache Fahrt

Mysterious Shorty

Der resolute Triller aus der Pfeife Typ 57 der Deutschen Bahn lässt keinen Zweifel darüber, dass die rotbemützte Zugaufsicht Autorität hat. Die Treibstangen der Dampflok rutschen kurz durch, doch in aller Gemächlichkeit beginnt das Kraftpaket, den kurzen Personenzug aus dem Bahnhof zu ziehen. Der Schaffner springt im letzten Augenblick geübt auf den Stufenrost unterhalb der offenen Wagentür und zieht den schweren Schlag hinter sich zu. Es sind nur wenige Fahrgäste eingestiegen, denn der vormalige Reichsbahnwagen ist soeben erst neu zusammengestellt worden und soll unterwegs buchstäblich Zug um Zug erweitert werden. Der Schaffner durchmisst den engen Korridor vor den beiden Erste-Klasse-Abteilen, bittet um die Fahrkarten, knipst ein Loch hinein und wünscht höflich eine gute Fahrt. Hinter der Tür einer Trennwand befindet sich die offene zweite Klasse, in der sich rehbraun bezogene Kunststoff-Sitzbänke um passend braun marmorierte Resopaltische mit abgerundeten Ecken gruppieren. Noch sitzt hier niemand.

Der Zug wird lange unterwegs sein, wenn alles fahrplanmäßig klappt, also setzt er sich nahe dem Ausgang in eine Ecke am Fenster und schaut mit zitternden Augen der monoton vorübergleitenden Landschaft nach. Sie ist flach wie eine Schale mit Vogelsand, gespickt mit unzähligen Seen und Nadelwäldern. Reizlos für den flüchtigen Blick Fahrender, aber reizend für Aussteiger. Es gibt Regionen, das weiß er, da fährt man am besten schnell hindurch, schließt vielleicht sogar die Augen dabei, und es gibt andere, für die müsste man sich mehr Zeit lassen, als ein sie Reisender gewöhnlich hat, und wieder andere machen es jedem Betrachter allzu leicht, sie auf den ersten Blick ins Herz zu schließen. Der Schaffner kennt den genauen Fahrplan nicht, weiß nicht, wann, wo und wie lange der Zug hält. Also überlässt er sich dem einschläfernden Rhythmus der Schwellenmusik. Ráttatata …  ráttatata … ráttatata … 

Er muss höllisch aufpassen, denn nichts ist peinlicher als ein eingenickter Schaffner! Das könnte ihn glatt den Job kosten. Er steht vorsichtshalber auf, denn er fühlt jetzt in seinen Knien, wie der Zugführer allmählich das Tempo zurücknimmt. So kündigt sich der nächste Halt an. Er freut sich, ein paar Schritte auf dem Bahnsteig laufen zu können und den Passagieren beim Ein- und Aussteigen mit dem Gepäck behilflich zu sein. Er hilft und berät geduldig, hört zu und nimmt auch gelegentliche Beschimpfungen gleichmütig hin. Kurz, er liebt, was er tut.

Beim Bremsvorgang beschwert sich das Metall mit widerwärtigem Quietschen. Die Lok stößt einen erleichterten Dampfschnaufer aus und erschreckt dabei ein paar Kinder auf dem Bahnsteig. In der ersten Klasse blieben alle im Abteil sitzen, aber die Kinder stürmen den offenen Abschnitt und balgen sich um die Fensterplätze. Rucksäcke fliegen genauso umher wie Wortfetzen – die launige Kakophonie eines Klassenausflugs? Richtig, am Schluss steigen die beiden Begleiter zu, ein sehr junger Lehrer und eine ältere Kollegin mit eisengrauem Haarknoten. Beide haben ihre liebe Not, die Ausflügler zu bändigen, doch als die Fahrt fortgesetzt wird, sitzen alle und die ersten, vermutlich sogar noch in Sichtweite ihrer Elternhäuser, packen schon ihre Wegzehrung aus und mampfen Butterbrote oder beißen in Äpfel. Entweder hatten sie vor Aufregung nicht richtig frühstücken können oder genießen das Erleben eines gemeinsamen Mahls unterwegs.

Der Schaffner lässt sich das Gruppenbillett zeigen, lächelt verständnisvoll und setzt sich wieder in seine Nische. Die Natur zeigt sich abwechslungsreicher in ihrer Topologie. Kaum mehr Wüstungen, wenige Dörfer und stattdessen adrette Kleinstädte inmitten  bewaldeter Hügel, die sich mit Wiesen und Feldern abwechseln. In einigen größeren Städten legt der Zug einen Halt ein, manchmal muss er auf einen Anschlusszug warten und der Schaffner kann in Ruhe etwas essen gehen oder sich die Beine vertreten. Inzwischen ist der Zug länger geworden, führt sogar Gepäck- und Frachtwagen an seinem Ende mit. Weil nun die Passagiere häufiger wechseln, ist auch seine Tätigkeit anspruchsvoller. Seine ganze Konzentration ist gefordert, um die Abläufe reibungslos und vor allem sicher zu gestalten. Bei den Reisenden der ersten Klasse hat sich wenig geändert. Etwas irritiert nimmt er zur Kenntnis, dass zwar neue Fahrgäste hinzugekommen sind, aber auch einige ausgestiegen sein müssen. Dieser Abschied muss den Zurückgebliebenen schwergefallen sein, denn auf einer seiner Kontrollrunden sieht er Tränen in ihren Augen glitzern. Als er einem Kollegen, den er auf einem der Bahnhöfe trifft, darauf anspricht, antwortet dieser: »Ja, ja, das kommt in allen Zügen vor!«

Die Reise dauert lange und deshalb schläft der Schaffner in einem eigenen Abteil mit ausklappbarem Wandbett in einem der neu angekuppelten Wagons. Ráttatata …  ráttatata … ráttatata … ist sein Wiegenlied. Er ist sogar Herr über einen eigenen Waschraum und im Speisewagen, der sich der stählernen Formation angeschlossen hat, erhält er jederzeit freie Kost.

Signale, stillgelegte Bahnwärterhäuschen, Stellwerke, Tunnel, Schranken, entgegenkommende Züge ziehen an den von Ruß, Staub und Regen blind werdenden Scheiben vorüber. Mitunter sieht er Menschen an der Strecke winken. Das taten sie früher wesentlich häufiger, besonders bei dem seltenen Ereignis, neben einem anderen Zug in einen Bahnhof einzufahren. Für die Landschaft hat er kaum noch Interesse, wie das so ist, wenn etwas Gewohnheit wird. Man nimmt Schönheit nicht mehr wahr. Staunen ist ein höchst flüchtiger Stoff. Als ihm das bewusst wird, erfasst ihn eine jähe Welle der Melancholie und er stürzt sich zur Ablenkung umgehend wieder in seine Arbeit. Irgendein Gast hat immer ein Problem, bei dessen Lösung er beistehen kann oder eine Frage, die seine Antwort erfordert. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man nicht nachdenkt und  stur der Routine mit ihren langen Kontrollgängen folgt. Die versetzt ruckelnden Bleche über den Kupplungspuffern der einzelnen Wagons, versetzen ihn dabei nicht nur ins Schwanken, sondern auch Verwunderung, denn es werden immer noch mehr. 

Große Pannen oder gar Unfälle gab es bisher zum Glück nicht, nur kleine Störungen, wie sie bei jeder Langstrecke vorkommen. Einmal hatte er allerdings tatsächlich befürchtet, der Zug könnte entgleisen, denn die Kombination aus einer offensichtlich zu spät gestellten Weiche und der nicht angepassten, zu hohen Geschwindigkeit war durchaus kritisch. Doch die Fahrgäste hatten nicht den Hauch einer Ahnung, wie knapp sie womöglich einer Katastrophe entgangen waren. Zu Verspätungen kam es dennoch, die jedoch vom Zugführer immer wieder geschickt ausgeglichen wurden, so dass sie den Fahrplan einhielten. Alle Mitfahrenden freuen sich über Pünktlichkeit, besonders die, die einen Anschlusszug erwischen müssen.

Seine Eisenbahnerknie verraten ihm, dass mit zunehmender Zuglänge die Geschwindigkeit nachlässt. Und das, obwohl zwischenzeitlich die muntere Dampflok gegen ein moderneres und stärkeres Dieselmodell ausgewechselt worden war. Die Güterwagons sind zum Bersten voll und schwergewichtig, wohingegen sich die Abteile für die Personenbeförderung im ‚Gegenzug‘ – ha, ha! – von Station zu Station zu leeren. Niemand steigt mehr zu, so als habe der Zug sein Ziel verloren. Weil er ein im positiven Sinne neugieriger und empathischer Mensch ist, bemerkt der Zugschaffner feine Veränderungen im Verhalten der verbliebenen Reisenden, in ihrer Sprache und ihrem Miteinander im Zug. Nein, Streits, Raufereien oder Vandalismus duldet er natürlich unter keinen Umständen. In seiner Grundausbildung hatte man mit ihm und seinen Kollegen Taktiken zur Krisenintervention trainiert. 

Als er zu einem neuen Kontrollgang aufbricht, stutzt er. Ja, war er die letzten Kilometer mit Blindheit geschlagen? Die zuletzt angekuppelten Wagen verfügen über keinerlei Innenausstattung mehr! Vollkommen leer und kahl sind sie – wie hohle Zigarrenhülsen auf Rädern und er wundert sich nicht, dass niemand mehr zusteigt. Aber trotzdem muss die Lok diesen nutzlosen Ballast ziehen.

Vielleicht täuscht der Eindruck ihn und kommt in Wirklichkeit von dieser tiefen Müdigkeit, die ihn seit kurzem befallen hat, eine von der Sorte, der nicht mit ausreichend Schlaf beizukommen ist. Sie infiltriert ihn auf eine ungute Weise und wechselt sich ab mit dem übermächtigen Drang, Dinge außerhalb dieses Zuges zu erleben, in dem er jetzt – verflucht, wie lange schon? – immer dasselbe tut. Das Schienennetz wird zum klebrigen Spinnennetz und er fürchtet die lauernde Spinne. Manchmal möchte er dem Impuls folgen, einfach aufzuspringen, um den roten Griff der Notbremse zu ziehen! Dann greift wieder die lähmende Beklemmung nach ihm, weil er fühlt, dass sich der Zug, der sich wie eine Python durch das Land windet, seinem Zielbahnhof nähert.

Die Lok wird in den Sackbahnhof einfahren und die Reise am Prellbock enden. Ein letzter Abpfiff und Aufruf mit der Bitte an die letzten Reisenden der ersten Klasse, den Zug zu verlassen. Sie werden ihr Gepäck zusammensuchen, nach Vergessenem Ausschau halten und aussteigen. Auf dem Bahnsteig werden sie dem Zug einen letzten wehmütigen Rückblick über die Schulter schenken, doch sich dann umdrehen und zielstrebig dem Ausgang entgegeneilen. Die Wagons werden abgekuppelt, die Fracht weiterverteilt und von anderen Zügen übernommen. In aller Deutlichkeit erkennt der Schaffner jetzt, dass der Zug kurz vor seiner endgültigen Ausmusterung steht. Eine moderne, starke Rangierlok wird die alte Lok abholen, da ihre Energie nicht einmal mehr ausreicht, um den Bahnhof zu verlassen. Sie wird nie wieder irgendwohin fahren. Nicht einmal einen Kurztrip wird man ihr zutrauen. Keine neuen Ziele erwarten sie und gemeinsam mit den  unerreichten würden sie zu ätherischen Träumen werden, bereit ihnen auf einem unkrautüberwucherten Abstellgleis unter einem grabsteingrauen Himmel nachzuhängen. Endstation. Zerstörerischem Rost preisgegeben, der sich dort am wohlsten fühlt, wo salzige Tränen auf altes Eisen treffen und zum rotbraunen Blut des Alters zerfließen.

Und was wird aus ihm, dem Schaffner werden? Wird er sich so wie der gesamte Zug in seine Bestandteile auflösen? Er hat es längst schon geahnt, denn schließlich wird jedem Zug stets nur ein einziger Schaffner für eine Reise zugeteilt. Einfache Fahrt, ohne Zurück. Er reibt mit dem Ärmel seiner Uniformjacke ein Sichtloch in die beschlagene Scheibe und wirft einen prüfenden Blick nach draußen. Ist das Ankunftsterminal schon in Sichtweite? Noch kann er nichts entdecken. Aber das Gelände ist wieder so flach, wie zu Beginn der Fahrt – er erinnert sich vage. Er sucht den Horizont ab. Ist das möglich? Kein Zweifel, er erkennt die Landschaft wieder. Da, die typische Kirchturmspitze, die vorwitzig aus den Wipfeln des Kiefernwäldchens lugt! Sollte …? Er traut sich kaum, den Gedanken fertig zu denken. Also keine Fernstrecke, sondern eine … Rundfahrt! Diese lange Reise, bloß um Wagen an Wagen an Wagen zu reihen?

Der Zug verlangsamt sein Tempo, die Bremsen kreischen und der Schaffner liest den gespiegelten Namen der Bahnhofsstation: 

TIEKGIWE.


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(Titelfoto jplenio auf pixabay – vielen Dank!