Kurzgeschichte

Dahintreiben, unberechenbar, grundlos und ohne Ziel oder Bestimmung. Ich bin, was ich bin und wo ich bin – eben noch hier, den Flügelschlag eines Kolibris später schon fort. Pläne sind für die, die an Zeit gebunden sind, aber meine Existenz ist immerwährend.
Deshalb gleicht mein Gedächtnis einem grobmaschigen, in einem Meer voller Plankton ausgeworfenen Fischernetz, in dem selten ein Fisch hängen bleibt. Nur die Gesellschaft meiner Antagonistin hilft der Orientierung zuweilen auf die Sprünge, denn im Gegensatz zu mir, folgt sie ruhelos ihrem Antrieb, sucht nach Gelegenheiten, Ereignisse zu beeinflussen und Geschöpfe zu manipulieren. Beim gemeinsamen Durchstreifen des Kosmos verhilft sie mir zu dem, was bei Menschen lebenslangen Erinnerungen am nächsten kommt.
So wie die Folgende, die, laut meiner Gegenspielerin, aus dem Erdjahr 1961 stammt. Ich sehe nicht einmal die Jahreszeit mehr vor mir, stattdessen aber das Mädchen in seiner kurzen Lederhose, deren herzförmige Taschen rot leuchteten. Es war schwülwarm, also vielleicht ein Sommertag. Das Kind, etwa sieben Jahre alt, hopste mit wippendem Pferdeschwanz und auf langen, braun gebrannten Beinen den Bürgersteig einer Straße entlang. Die blendend helle Betondecke führte in weitem Bogen durch ein, sah man von Waschbär, Fuchs und Hase ab, kaum belebtes Neubaugebiet einer Großstadt. Es war einer dieser Satelliten-Stadtteile, wie sie im Nachkriegsdeutschland wie Pilze aus dem Boden schossen. Achtzehn Jahre zuvor hatten alliierte Fliegerverbände in einer einzigen Nacht mehr als 420.000 Brandbomben über der Stadt abgeworfen und achtzig Prozent aller Gebäude zerstört, darunter die komplette Altstadt. Ich kenne die Umstände, weil meine Gefährtin und ich unmittelbar daran beteiligt waren.
Einige Mietwohnungen in den neuen Anlagen waren wie Bienenwaben mit geschlossenem Deckelchen belegt, andere entweder im Bau oder noch zu feucht für den Erstbezug und leer. Für Kinder ein abenteuerliches Terrain, auf dessen Gefahren zwar mit Nachdruck hingewiesen wurde, die aber im Eifer des Spiels schnell vergessen waren. Die Tristesse der verbauten Menge an Beton holte sie spätestens dann ein, wenn ihnen mit vierzehn Jahren der Zugang zu öffentlichen Spielräumen untersagt wurde. Die Jüngeren befriedigten ihren riskanten Erlebnisdurst auf den wilden Müll- und Schutthalden. Sie bemalten Sperrmüll mit in Blechkanistern gefundener Bleimennige, deren leuchtendes Orangerot ebenso beliebt war, wie es seine Giftigkeit herausschrie, oder dem Abpuhlen plattgefahrener Placken Fensterkitts von den Fahrbahnen, um sie zu kneteähnlichen Bällen zu formen. Die Welt konnte simple Freuden bieten. Aber sie konnte auch anders.
Das Mädchen kehrte von einem Fußmarsch durch ein verödetes Areal zurück, den sie jede Woche ein Mal machte, um den Lotto-Tippschein der Eltern abzugeben. Obwohl der Weg bis zum Kiosk am äußersten Rand der Siedlung weit war, erledigte sie das gerne und fühlte sich unter dieser Verantwortung wachsen. Die Strecke krümmte sich wie ein Bassschlüssel durch planierte, einsame Grundstücke. Auf einem sollte ein Coca-Cola-Abfüllbetrieb entstehen, verriet ein riesiger Aufsteller. Und als sich die Kleine auf der Höhe dieser Baustelle befand, gesellte sich meine Gegenspielerin hinzu. Ohne für Menschen erkennbare Substanz und vollkommen unbemerkt saß sie im Fond eines Autos, das sich von hinten langsam näherte. Zunächst nahm das Mädchen keine Notiz und bestaunte voller Ehrfurcht die schiere Größe der Baugrube. Erst als das Fahrzeug neben ihr hielt, wandte es sich ihm zu.
Ein Fenster wurde heruntergekurbelt und eine einschmeichelnde Frauenstimme sagte: »Hallo! Ob du uns wohl den Weg zur Heiligenbergstraße erklären kannst?«
Die Frau saß auf der Rückbank, vor ihr der leere Beifahrersitz, und darüber hinaus gab es nur den Fahrer, soweit das Mädchen es erkannte. Oder war da noch der Schemen einer dritten Person neben der Frau? Weil eine Freundin des Kindes in besagter Straße wohnte, kannte es den Weg genau und gab artig Auskunft. So hatte man sie erzogen: Vorsicht gegenüber Unbekannten, aber stets höflich. Was einer Wanderung auf einem extrem schmalen Grat gleichkam. Für eine Erwachsene kam dem Kind die Frau ziemlich begriffsstutzig vor, denn sie kapierte partout nicht, dass sie bloß an der nächsten Kreuzung links abbiegen müssten, um ihr Ziel zu erreichen. Stattdessen machten sie keinerlei Anstalten überhaupt loszufahren.
Allmählich wurde dem Mädchen mulmig. Waren die Warnungen Erwachsener über eine mögliche schändliche Absicht Fremder daran schuld, ihr intuitives Misstrauen oder eine diffuse Angst? Die Situation bescherte ihr eine plötzliche Gänsehaut. Sie wusste nichts über folgenreiche Augenblicke, Wendepunkte, die im Nu über Unversehrtheit oder Schaden, über Leben oder Tod entschieden. Aber sie fühlte, dass ihr dieser eine Moment bevorstand, für den ihre Eltern ihr Verhaltensmaßregeln eingebläut hatten.
Und dann kam die befürchtete Frage der Frau: »Weißt du, ich bin ganz verwirrt. Magst du nicht einsteigen und mitkommen, um uns den Weg zu zeigen?«
Der Fahrer neigte sich zur Seite und die Beifahrertür öffnete sich einladend. Das Mädchen schluckte einen imaginären Kloß herunter, trat einen Schritt zurück und sagte entschieden, wenn auch mit bebender Stimme: »Nein!« Anschließend tat sie, was sie für das Beste hielt – sie nahm die Beine in die Hand und rannte! Sie hörte erst auf, zu laufen, als sie zu Hause ankam, weil sie befürchtete, das Auto könnte sie verfolgen, sie einholen und man würde sie hineinzerren.
Doch das Fahrzeug verschwand mit der Absicht so spurlos, als hätte es sich nur um eine Fata Morgana gehandelt. Später wurde dem Mädchen bewusst, dass ihr Bauchgefühl und das Befolgen des elterlichen Mantras ihr Schlimmes erspart hatten. Denn niemand, wirklich niemand, der an Geist und Seele gesund war, bat ein fremdes Kind, in ein Auto zu steigen, damit es einen Weg erklärte, der sogar ohne Hilfe leicht zu finden gewesen wäre.
Genährt wurde die dramatische Bedeutung dieses Momentes durch das Bekanntwerden einer tragischen Koinzidenz, auch wenn ein kausaler Zusammenhang nie hergestellt wurde. Wenige Tage nach dem Vorfall mit dem mysteriösen Pkw wurde im Kellergeschoss eines Rohbaus die Leiche eines jüngeren Mädchens aufgefunden. Man ging davon aus, dass es beim Spielen im ungesicherten Treppenhaus abgestürzt war. Es handelte sich um ein Hochhaus – in der Heiligenbergstraße!
Ich schwöre, ich war nicht dabei!
© Inhalt und Foto (privat 1961) urheberrechtlich geschützt – H. M. Kaufmann, Februar 2026
