Wie der Tod ein Leben rettete

Halloween-Kurzgeschichte (­čĹź ab 12 J.)

Es regnet Bindf├Ąden, h├Ątte meine Mutter gesagt, w├Ąre sie dabei gewesen. Aber sie war zu Hause in der K├╝che, schnippelte Gem├╝se f├╝r das Abendessen und hatte nicht den blassesten Schimmer von dem, was sich an diesem letzten Oktoberabend zusammenbraute. 

Die Regentropfen reihten sich tats├Ąchlich so dicht hintereinander, dass sie im Schein der Stra├čenlaterne wie silbrige F├Ąden glitzerten. Als ich mich mit meinem Freund Luke dem vereinbarten Treffpunkt n├Ąherte, sah es aus, als hingen an manchen Schn├╝ren drei zappelnde Marionetten. An der letzten Laterne vor der Unterf├╝hrung wollten wir uns treffen. Martin mit seiner j├╝ngeren Schwester Henny und Paul warteten schon ungeduldig auf uns, obwohl die Kirchturmuhr noch nicht mit dem abendlichen Sechsuhrl├Ąuten begonnen hatte. Die K├Âpfe zum Schutz vor der N├Ąsse gesenkt und tief in Kapuzen versunken, scharrten ihre F├╝├čen ungeduldig ├╝ber das Pflaster oder kickten gelangweilt Steinchen. Bis auf Henny besuchten wir alle die sechste Klasse derselben Schule. 

┬╗Mann, wo bleibt ihr denn, ihr lahmen Enten┬ź, maulte Martin, ┬╗wir sind inzwischen komplett durchgeweicht.┬ź

Ich zuckte nur mit den Schultern, aber Luke entschuldigte sich. ┬╗Lag nicht an mir! Der Heuler kam nich┬┤ in die P├Âtte!┬ź

Allgemeines Gest├Âhne.

Heuler, das war ich. Als meine Familie im Sommer in dieses Kaff gezogen war, dauerte es nur einen einzigen Schultag, um mir diesen Hassnamen, der fortan wie ein Stachel in meinem Fleisch sa├č, anzuh├Ąngen. Die zw├Âlf Jahre davor und nat├╝rlich zu Hause, nannte man mich Jakob. Noch vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde hatten sie mich zum Flennen gebracht, einmal vor Wut und einmal vor Schmerz. Und als die Klassenlehrerin mich dann sp├Ąter, sie schmunzelte dabei, mit meinem Nachnamen Robben, vorstellte, br├╝llte irgendjemand: ┬╗Ey, ein echter Heuler!┬ź Ja, da war es geritzt. Heuler. Passte. Ein Name, bei dem man heulen mochte. Aber heute wollte ich ihn ein f├╝r alle Mal loswerden. Nur deshalb hatten wir uns alle daheim mit einer L├╝ge davongestohlen und waren bei diesem Schietwetter unterwegs.

Die Unterf├╝hrung war ein kastiger Betontunnel, der unter der Bundesstra├če hindurch f├╝hrte, die den kleinen Ort in zwei Teile zerschnitt. Luke und ich wohnten im Neubaugebiet auf der Westseite, die anderen auf der Ostseite, der Altstadt. Martin, Henny und Paul kannten sich schon ewig, aber Luke, der im selben Haus wohnte, in das auch wir gerade eingezogen waren, war noch nicht lange mit ihnen befreundet. Dennoch spielte er sich auf, weil er hoffte, dass ich bald die Position des Neulings einnahm und er nicht mehr der letzte Vollpfosten war.

┬╗Alles klaro?┬ź, fragte mich Martin. ┬╗Haste alte Klamotten an und Turnschuhe? Ist schlie├člich kein Kindergeburtstag!┬ź Paul und Luke kicherten verschw├Ârerisch, w├Ąhrend ich nur wieder wie ein Wackeldackel nickte.

Kaum betraten wir den Tunnel, begannen die Kirchenglocken zu l├Ąuten. F├╝r uns Kinder ├╝blicherweise das Signal zum Aufbruch nach dem Spiel bei Freunden oder drau├čen, weil es wirklich ├╝berall im St├Ądtchen zu h├Âren war. Meiner Mutter hatte ich erz├Ąhlt, ich w├╝rde bei Luke ├╝bernachten. Sie freute sich dar├╝ber. ┬╗Siehste┬ź, hatte sie gesagt, ┬╗Kinder finden immer schnell Anschluss.┬ź

Wortlos stapften wir durch die Unterf├╝hrung. Ein unheimlicher Ort mit verdreckten Neonleuchten unter der Decke und einem bei├čenden Uringestank. In diesem Moment sch├Ątzte ich die Gesellschaft, in der ich mich befand, auch wenn mich unsere Mission ├Ąngstigte. Wieder an der frischen Luft, bemerkte ich, dass der Regen aufgeh├Ârt hatte, es aber wegen der dichten Wolken schon recht dunkel war. Darauf waren wir nat├╝rlich vorbereitet und wir zogen unsere Taschenlampen aus der Tasche.

┬╗Aber nicht alle anmachen┬ź, bestimmte Henny, ┬╗dann reichen sie l├Ąnger.┬ź Waren wir wie die f├╝nf Finger einer Hand, so war Martin der Bossdaumen und seine Schwester der Zeigefinger. Sie war auf verdrehte Weise der coolste Junge von uns. Paul fiel schon aufgrund seiner L├Ąnge, er war fast einen Kopf gr├Â├čer als wir anderen, die Rolle des Mittelfingers zu und Luke jetzt die, des zweitkleinsten, des Ringfingers. Ich zog buchst├Ąblich den K├╝rzesten, aber vielleicht w├╝rde sich das nach diesem Abend ├Ąndern.

┬╗Haste schon Schiss?┬ź Luke, der neben mir lief, weil wir uns seine Taschenlampe teilten, leuchtete mir mitten ins Gesicht.

┬╗Lass den Quatsch┬ź, brummte ich. ┬╗Bisschen flau, geht schon.┬ź

┬╗Ist ja auch ganz sch├Ân knifflig bei dem Wetter. Ich glaube nicht, dass ich mich das trauen w├╝rde.┬ź

┬╗Er muss ja nicht!┬ź, sagte Martin, der neben seiner Schwester voranging.

┬╗Wenn er den Heuler loswerden will, dann schon.┬ź Henny brachte es, wie immer, auf den Punkt.

Ich freute mich trotzdem ├╝ber Lukes Anerkennung. Schlie├člich ging es genau darum! Um den fiesen Spitznamen loszuwerden, musste ich etwas tun, damit man mich respektieren konnte. Martin hatte dann vorgeschlagen, allen zu beweisen, dass ich kein Heuler war, und ich habe Tage damit verbracht, mir etwas auszudenken. Vorgestern, kurz nachdem ich auf dem Schulhof wieder richtig durch den Kakao gezogen wurde und alle vor Lachen gr├Âlten, verk├╝ndete ich meine Mutprobe, eher eine Wutprobe, so geladen wie ich war!

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Das Kaff hatte tats├Ąchlich ein Highlight: Es lag zu F├╝├čen eines kleinen Berges, auf dessen Gipfel die k├╝mmerlichen Reste einer Burg aus dem dreizehnten Jahrhundert thronten. Das klang spektakul├Ąrer, als es wirklich aussah, denn es standen lediglich noch die vier Grundmauern des Palas, dem Teil, in dem die Burgfr├Ąulein und die Herrschaft gewohnt und getafelt haben, ohne Zwischendecken und ohne Dach. Ein steinerner Schuhkarton ohne Deckel!

Weil viele bessere Ideen meist an fehlendem Geld scheiterten, hatte man vor einigen Jahren innen zumindest eine Metalltreppe errichtet, auf der man eine kleine Plattform erreichen konnte, um auf H├Âhe der Mauerbr├╝stung den Ort zu ├╝berblicken. Und damit Menschen wie wir nicht auf dumme Ideen kommen, hatte man ein Absperrgitter angebracht, um das Betreten der Mauerkrone zu unterbinden.

Nur noch wenige Meter trennten uns von dem mittelalterlichen Gem├Ąuer, nachdem wir den steilen, aber kurzen Aufstieg ├╝ber die dicht bewaldete Flanke des Vestebergs, bew├Ąltigt hatten. Wir schnauften wie alte Dampfloks und allm├Ąhlich begann es in meinem Bauch zu grummeln. Da musst du durch, dachte ich, lieber einmal leiden und dann Ruhe, als ewiges Ausgelachtwerden.

Die Dunkelheit milderte die furchterregende H├Âhe der senkrecht aufsteigenden meterdicken Mauern. Wir richteten unsere Taschenlampen nach oben, aber ihr Schein erreichte das Ende nicht. Schweigend, fast ehrf├╝rchtig betraten wir das Innere. Der Treppenverlauf hatte eine geringe Steigung, weil er ├╝ber drei Seiten verlief. So war es m├Âglich gewesen, auch gerade Teilst├╝cke einzuf├╝gen. Ein K├Ąuzchen rief und ich musste widersinnigerweise lachen.

┬╗Das ist wie in einer Gruselgeschichte: F├╝nf Freunde, ein Berg mit einer Burgruine. Es ist stockfinster ÔÇô ein K├Ąuzchen schreit wie eine gemeuchelte Frau.┬ź Pl├Âtzlich konnte ich ├╝berhaupt nicht mehr aufh├Âren zu lachen und steckte die anderen, die zun├Ąchst noch mit Trauermienen dastanden, an.

┬╗Hier┬ź, sagte Paul dann und dr├╝ckte mir etwas Knisterndes in die Hand, ┬╗kleine St├Ąrkung f├╝r die Nerven.┬ź

┬╗Danke!┬ź Ich japste nach Luft und nahm den verbogenen Schokoriegel entgegen, steckte ihn aber in meine Jackentasche. H├Ątte ich ihn jetzt gegessen, h├Ątte ich ihn wahrscheinlich umgehend wieder ausgespuckt, denn mir war vor Angst inzwischen spei├╝bel. Der Aufstieg ├╝ber die Treppe zog sich wie ein Hosengummi und ich sp├╝rte das Ziehen in den Oberschenkeln, doch dann waren wir oben. Wir standen auf der letzten, der Aussichtsplattform. Zu unseren F├╝├čen lag schl├Ąfrig das sp├Ąrlich beleuchtete ├ľrtchen, ├╝ber uns nur grauschwarz gescheckter Himmel. Martin und Paul leuchteten nach unten in Richtung des Burgtores, durch das wir gerade gekommen waren, aber auch hier erreichte das Licht nicht den Boden. 

┬╗Vielleicht besser so.┬ź Paul hatte recht. Was man nicht sah, musste man nicht f├╝rchten. Vielleicht war die Fantasie aber schlimmer? Martin sah alles andere als zufrieden aus und Henny sch├╝ttelte leicht den Kopf hin und her. Sie sagte: ┬╗Vielleicht l├Ąsst du es lieber, Jakob. Das ist es nicht wert.┬ź

┬╗Keiner von uns sagt was, wenn du es nicht durchziehst, ehrlich!┬ź 

┬╗Das stimmt leider nicht, Luke┬ź, sagte ich und w├╝nschte, es w├Ąre anders. ┬╗Die in der Schule werden es erfahren. Ich will das nicht machen, aber ich muss. Der  Heuler muss f├╝r immer hier oben bleiben!┬ź

Jetzt holte ich meine Taschenlampe aus der Jackentasche und band sie mit der Schlaufe fest um mein Handgelenk, zog die Jacke aus und h├Ąngte sie ordentlich ├╝ber den Handlauf des Gel├Ąnders. Das Rumpeln im Magen wurde l├Ąstig und ehe es sich noch weiter ausbreiten konnte, griff ich entschlossen nach dem Absperrgitter, zog mich die Br├╝stung hoch, wobei ich erst um das Gitter herum klettern musste, und setzte erst einen, dann beide F├╝├če auf die Mauerkrone. Sie war sehr breit, aber uneben und an manchen Stellen gef├Ąhrlich glitschig durch nasses Moos. Die Herausforderung bestand weniger im Balanceakt, sondern im Aushalten der Gewissheit, dass es rechts und links vier hohe Stockwerke in die Tiefe ging. W├Ąre das Wetter trocken gewesen, h├Ątte ich die Burgmauer einmal umrunden wollen, aber ich war mir sicher, eine Seite, eine Drehung und wieder zur├╝ck, w├╝rde ausreichen, um mir Mut zu attestieren. Zumal das flaue Gef├╝hl jetzt allm├Ąhlich vom Magen aufw├Ąrts in meinen Kopf wanderte. Ich schwankte leicht.

┬╗Bitte, Jakob, h├Âr auf mit dem Quatsch┬ź, bettelte Henny, ┬╗ich hab kein gutes Gef├╝hl!┬ź Luke pflichtete ihr bei und sogar Martin und Paul baten mich inst├Ąndig, auf die Plattform zur├╝ckzukommen. Vermutlich war ich schon weiter gegangen, als sie mir zugetraut hatten.

┬╗Es geht nicht.┬ź Das war meine einzige Antwort. Ich knipste die Taschenlampe an, l├Âste meine schwei├čnassen H├Ąnde vom Absperrgitter und tastete mich zaghaft die Mauerkrone entlang, indem ich vorsichtig einen Fu├č vor den anderen setzte. Alles konnte gut gehen, solange ich nur nicht stolperte. Ich konzentrierte meinen Blick auf den Schein der Lampe vor meinen F├╝├čen und versuchte den Gedanken an die H├Âhe zu verscheuchen. Das K├Ąuzchen schrie wieder, aber diesmal war mir nicht nach Lachen zumute. Zu gerne h├Ątte ich gewusst, wie weit es noch bis zur Ecke war, aber mir fehlte der Mut, meine Taschenlampe so weit nach vorne zu richten. Einmal h├Ârte ich Henny noch hysterisch rufen, ich sollte endlich umkehren, es w├Ąre wirklich genug jetzt und ich sei komplett irre, aber dann verstummten alle. 

Pl├Âtzlich h├Ârte ich Getrappel auf der Metalltreppe. Sie hauten doch jetzt nicht ab? Die lassen mich doch nicht etwa hier oben alleine zur├╝ck, schoss es mir hei├č wie Lava durch die Adern! 

┬╗Hallo?┬ź Mein Ruf war zu kl├Ąglich, um geh├Ârt zu werden, aber ich traute mich nicht, kraftvoller zu schreien. ┬╗Seid ihr noch da?┬ź Ich lauschte, aber au├čer den verhallenden Trittger├Ąuschen und leisem Zurufen, h├Ârte ich nichts. ┬╗Ihr seid so erb├Ąrmliche, feige Knallschoten! Ihr bl├Âden Evolutionsbremser! Ich hasse euch!┬ź Nie zuvor und auch sp├Ąter nie wieder in meinem Leben, hatte ich mich derma├čen verlassen und elend gef├╝hlt. Ich versuchte die Drehung, ohne vor Schwindel zu straucheln, um zur├╝ck zur Plattform zu gelangen. Tr├Ąnen der Wut und Verzweiflung n├Ąssten zusammen mit dem erneut eingesetzten Regen mein Gesicht. Ich bleibe der Heuler, dachte ich resigniert, sank auf meine H├Ąnde und Knie und setzte mich dann vorsichtig auf die Mauer, weil ich weder stehen und erst recht nicht mehr laufen konnte. Ich hatte keine Vorstellung, wie ich mich aus dieser Lage selbst befreien sollte und je l├Ąnger ich da oben sa├č, desto mehr f├╝llte sich mein Inneres mit einem dunklen, m├Ąchtigen Gef├╝hl. Es wuchs und wuchs und raunte einschmeichelnd: Lass dich doch einfach fallen. Geschieht ihnen doch recht, wenn sie die Schuldgef├╝hle nie mehr loswerden. Schert sowieso niemanden, ob der Heuler tot ist oder nicht. Es geht sicher ganz schnell ÔÇô nur zur Seite rutschen und schon … vorbei. Mein Kopf wurde zu einem mit Helium gef├╝llten Ballon. 

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Das K├Ąuzchen schrie erneut, jedoch entfernter und der sanfte Landregen pladderte leise auf das Blattwerk des Efeus, der die Burgecke umrankte. … Aber da waren auch Schritte auf der Metalltreppe oder drehte ich langsam durch?  

Klonk … klonk … klonk …

Nicht hektisch, aber z├╝gig, rhythmisch und leichtf├╝├čig. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich absolut bewegungsunf├Ąhig war. Die winzigste Bewegung meiner Hand oder das Zucken eines Beines l├Âste sofort einen Panikwelle aus. 

Klonk … klonk … klonk … 

Von meiner Position aus konnte ich die Treppe nicht sehen und wer immer sich da n├Ąherte, falls ├╝berhaupt jemand kam und nicht meine Fantasie Regie f├╝hrte, w├╝rde auch mich nicht sehen k├Ânnen. Ich lauschte angestrengt. Kein klonkmehr!

┬╗Jakob?┬ź Die Stimme war br├╝chig und schwankte in der Tonlage, aber es war die eines Jungen. ┬╗Jakob! Bist du hier? Sag┬┤ was!┬ź

Ich schluckte den dicken Klo├č im Hals hinunter und antwortete d├╝nn: ┬╗Ja, hier. Hier oben.┬ź

┬╗Siehst du mich?┬ź Die Stimme hatte einen leichten Akzent.

┬╗Nein. Ich … ich kann mich nicht r├╝hren.┬ź

┬╗Was willst du r├╝hren?┬ź

┬╗Ich will nichts r├╝hren! Ich kann mich nicht … bewegen. Ich habe Angst abzust├╝rzen!┬ź

┬╗Okay┬ź, sagte die kratzige Stimme und dehnte das Wort dabei auf doppelte L├Ąnge, ┬╗das ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Ich kann helfen!┬ź

┬╗Aber wie?┬ź

┬╗Du hast sicher eine Torch, ├Ąhm … eine Lampentasche, leuchte mal in Richtung des Innenhofs ÔÇô du brauchst dir nicht bewegen, nur leuchten.┬ź

Wegen der Aufregung und Anspannung und auch wegen der K├Ąlte schlotterte ich, musste aber wegen des Versprechers unwillk├╝rlich grinsen. Ich tat, was die Stimme sagte.

┬╗Ja, all right, ich sehe. Das ist gut ÔÇô sogar sehr gut!┬ź

Diese Ansicht teilte ich nicht, aber ich f├╝hlte mich dennoch etwas erleichtert, einfach weil jemand bei mir war. Ich h├Ârte nun wieder ein paar klonk … klonk, nun so nahe, als st├╝nde jemand genau unter mir.

┬╗Pass auf, Jakob. Wir machen jetzt eine ganz verr├╝ckte Sache, okay?┬ź Verr├╝ckt klingt absolut nicht okay, dachte ich und stimmte nur z├Âgerlich zu. ┬╗Du musst keine Angst haben. Ich bin hier ganz nah.┬ź

┬╗Ja, ich h├Âre dich.┬ź

┬╗Prima! Ich vermute, du sitzt auf die Mauer?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Na, sch├Ân. Guckst du in Richtung Plattform oder in die andere Richtung?┬ź

┬╗Ich gucke gerade garnicht.┬ź Leises Lachen unter mir.

┬╗Und wenn du gucken w├╝rdest?┬ź

┬╗Dann s├Ąhe ich die Plattform.┬ź

┬╗Super. Du machst jetzt genau, was ich sage, dann bist du in einer halben Stunde wieder zu Hause und hast was zu erz├Ąhlen.┬ź

Jetzt sagte ich: ┬╗Gut, mach ich. Aber das hier … darf niemand, wirklich NIEMAND erfahren!┬ź

┬╗Rei├čverschluss-Mund! Aber erst m├╝ssen wir dich runterholen. Du rutschst jetzt ganz vorsichtig auf deinem Stern auf mir zu und h├Ąngst deine Beine ├╝ber der Kante von die Mauer. Langsam. Es kann dich nichts passieren. Take care.┬ź 

An der Zunahme des Akzents und der englischen W├Ârter, erkannte ich seine wachsende Unsicherheit. Es kostete mich schrecklich viel ├ťberwindung, meinen Hintern ein bisschen hochzustemmen und ihn allm├Ąhlich in die gew├╝nschte Richtung zu man├Âvrieren, doch ganz sachte gelang es mir. Allerdings dachte ich mit Sorge daran, dass es auf der Hofseite ebenso tief hinunter ging und nur irgendwo der Treppenaufgang entlang f├╝hrte. Doch wo genau und in welcher Tiefe ÔÇô das konnte ich weder wissen noch sehen. Aber wer immer mir diese Anweisungen gab, ich vertraute ihm. Ich musste ihm vertrauen!

┬╗Du machst das sehr gut, Jakob. Jetzt nur noch ganz behutsam und vorsichtig die F├╝├če nach vorne bringen. Versuch unter keinen Umst├Ąnden, zu mich runter zu schauen. Erschrick nicht, ich leuchte jetzt mal mit meiner Torch zu dich hoch, weil ich wissen muss, wo du genau sitzt.┬ź 

Ein Licht schnitt durch die Dunkelheit und in seinem Kegel sah ich wieder die Bindf├Ąden des Regens, die jetzt schr├Ąg fielen. Ein leichter Wind hatte aufgefrischt und ich fror erb├Ąrmlich. Fl├╝sternd jammerte ich nach meiner Mutter und betete, es m├Âge bald vor├╝ber sein. In diesem Augenblick h├Ątte ich alles versprochen, alles getan, um wieder nach Hause zu kommen!

┬╗So, du Luftakrobat┬ź, rief die Stimme, ┬╗jetzt wird es ernst. Streng dir an, dann wird alles gut! Ich stehe genau unter dir und du wirst dich jetzt ganz sacht, dicht an der Mauer entlang, abrutschen lassen. Vertrau mir, es sind nur etwa neun feet, o, ich meine F├╝├če.┬ź

Ich traute meinen Ohren nicht! Ich sollte mich in die ungewisse Dunkelheit fallen lassen? Und von welchen F├╝├čen redete er blo├č? Hatte der Typ sie noch alle? ┬╗Bist du bekloppt?┬ź, fragte ich. ┬╗Das schaffe ich niemals!┬ź

┬╗Natch! Wer da oben bei Nacht und Regen rumspazieren kann, f├╝r den ist das ÔÇô wie sagt ihr hier ÔÇô ein Klecks!┬ź

┬╗Klacks.┬ź

┬╗What?┬ź

┬╗Ach, schon gut.┬ź

┬╗Gut? Okay, also dann, here we go! Geh es vorsichtig an, lass dich einfach … gleiten. Die Mauer wird dich bremsen, wenn du dich dicht an ihr h├Ąltst, und ich stoppe deinen Schwung hier unten!┬ź

Irgendwo im Dunkel der Nacht zuckte regelm├Ą├čig ein blauer Schein. Der Moment war gekommen, in dem ich sp├╝rte, wie sich ein Schalter in mir umlegte. L├Ąnger konnte ich die Situation einfach nicht aushalten und ich tastete mich mit geschlossenen Augen vorsichtig immer n├Ąher an die Kante und als mein Gewicht begann, mich unweigerlich in die Tiefe zu ziehen, tauschten mein Gehirn und meine Eingeweide die Pl├Ątze und ich schrie meine Not wie das K├Ąuzchen in die Nacht hinaus. Mit dem R├╝cken an der rauen Mauer schrammend, landete ich ├Ąu├čerst unsanft und hart, aber lebend! Als ich die Augen ├Âffnete, beugte sich gerade ein schwarzer Schatten ├╝ber mich. Kobaltblaue Blitze lie├čen ihn gespenstisch aufleuchten und als ich ihn erkannte, schrie ich erneut ÔÇô diesmal vor nacktem Entsetzen! Ich war ihm keineswegs entgangen, sondern war direkt in seine Arme gest├╝rzt. Es war die knochige Fratze des Todes, die mich anstarrte und ich fiel weiter in die Dunkelheit.

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Zu meiner ├ťberraschung erwachte ich in einem, nach frischer W├Ąsche duftenden, Krankenhausbett. Statt Angst empfand ich eine fast behagliche und sichere Wohligkeit. Mein Sch├Ądel brummte, aber aushaltbar. Genauso wie der brennende Schmerz entlang meiner aufgesch├╝rften Wirbels├Ąule. Dass ich ├╝berhaupt etwas sp├╝rte, war ein Grund zum Feiern, ich lebte also noch! Kurz darauf ging der Rummel los. ├ärzte, Schwestern, meine Eltern und, ich staunte nicht schlecht, sogar die feigen Schisser gaben sich die Klinke in die Hand und ich erfuhr endlich, was nach meinem Absturz geschah. 

Martin, Henny, Paul und Luke brauchten etliche Anl├Ąufe, um sich stotternd zu entschuldigen, und ausgerechnet Martin zerdr├╝ckte sogar ein paar Reuetr├Ąnen. Sie waren in Panik geraten, weil sie sicher waren, dass die Sache nicht gut ausgehen konnte. Lukes Vater bekam Wind von der Sache und rief die Polizei an, die dann sofort mit Notarzt und Blaulicht ausr├╝ckte. Von meinen Eltern erfuhr ich, dass sie einerseits unglaublich froh ├╝ber den glimpflichen Ausgang meiner, wie sie st├Ąndig betonten, saubl├Âden Mutprobe, andererseits aber auch stocksauer ├╝ber diese Aktion waren, und dass ich noch mit einem polizeilichen Nachspiel rechnen musste, sobald ich wieder auf dem Damm war. Viel wichtiger war mir allerdings die Information ├╝ber meinen Retter! 

Es handelte sich um einen dreizehnj├Ąhrigen Jungen aus unserem Ort, der erst k├╝rzlich mit seiner Mutter aus England zur├╝ck in ihre alte Heimat gekommen war. Sie war frisch geschieden von seinem Vater, dem Kapit├Ąn eines Containerschiffs, der angeblich so gut wie nie zu Hause sein konnte. Der Junge litt unter dem Verlust seines vertrauten Lebens. An diesem Abend hatte er sich in seinem Skelettkost├╝m aus dem Haus geschlichen, war uns Kindern heimlich gefolgt und wurde so Zeuge der Ereignisse. Er lief aber nicht fort, sondern half, ohne ├╝ber die Gefahr f├╝r ihn und mich nachzudenken. Tats├Ąchlich hatte er mich wie eine lebende Sprungmatte abgefangen und wir waren beide auf einer der zahlreichen Plattformen zwischen den Treppenaufg├Ąngen zusammengeknallt. Dabei hatte er sich den Arm gebrochen und ich mir eine leichte Gehirnersch├╝tterung zugezogen. Warum er sich denn als Skelett, als Gevatter Tod verkleidet hatte, fragte ich. Ja, es sei doch Halloween gewesen und der Junge, dessen Namen sie nicht einmal wussten, beschwor mit seiner Verkleidung an diesem Abend die Erinnerung an den englischen Brauch herauf, den er fr├╝her zusammen mit seinen Freunden an diesem Abend beging, indem sie verkleidet von Haus zu Haus zogen, um S├╝├čigkeiten zu erbetteln. 

So verdankte ich dem Tod mein Leben!

Nach ein paar Tagen h├Ąuslicher Bettruhe musste ich wieder in die Schule und mir schwante nichts Gutes. Sicher w├╝rde man mich auslachen, weil ich etwas so Idiotisches getan hatte, dass mich noch heute, drei├čig Jahre danach, eisige Schauer bei der Erinnerung daran ├╝berlaufen. Doch niemand lachte. Niemand schimpfte mich Heuler, nicht an diesem und auch an keinem weiteren Tag mehr. In der gro├čen Pause stand ich in einer windgesch├╝tzten Ecke des Schulhofs und nagte appetitlos an meinem Salamibrot, als ein ├Ąlterer Junge auf mich zukam. Er war komplett schwarz gekleidet. Schwarze Jeans und Boots, schwarze Wolljacke und ein schwarzes Basecap unter dem ein paar rotblonde Haarstr├Ąhnen hervorlugten, 

┬╗Jakob?┬ź

┬╗Wer will das wissen?┬ź, fragte ich alarmiert. Die ├Ąlteren Sch├╝ler st├Ąnkerten gerne und ich machte mich auf ├ärger gefasst.

┬╗Sch├Ân, dich bei Tageslicht zu sehen!┬ź Er grinste. Ein seltsamer Kontrast zu seinen d├╝steren Klamotten und da d├Ąmmerte es mir. Erst jetzt bemerkte seinen eingegipsten Arm.

┬╗Du bist … Mann, ich wei├č nicht mal, wie du hei├čt!┬ź

┬╗Jake. Fast wie Jakob.┬ź

┬╗Ja, tats├Ąchlich. Ich muss mich bei dir bedanken, Jake. Wenn du nicht … Wie geht es deinem Arm?┬ź

┬╗Kein Ding. Ist doch nur ein Klecks.┬ź

┬╗Klacks┬ź, lachte ich, ┬╗ein Klacks!┬ź 


┬ę Inhalt urheberrechtlich gesch├╝tzt – H. M. Kaufmann 31.10.2020