Past and Present

Die Kinder hatten über das Spielen am Strand vollkommen die Zeit vergessen. Zu Beginn der Ferien hatten sie sich in der Bücherei das Buch „Die Schatzinsel“ ausgeliehen und am Morgen eine ihrer Lieblingsszenen im Gasthaus „Admiral Benbow“ nachgestellt, als der im Meer badende Gezeitenriese plötzlich ausatmete und die Flut in die zahlreichen Felshöhlen schwappte. Hatte man die Geschwister nicht genau davor gewarnt? Heiko und Erik flohen aus der Höhle und erklommen gerade noch rechtzeitig die zerklüfteten Felsen bis zur sicheren Flutkante. Aber wo war Anna? Sie hatte unbedingt den blinden Piraten Pew spielen wollen und sich gut versteckt. Zunächst hatten die Jungen noch rumgealbert und über die Transuse gelästert. Sie riefen so lange nach ihr, bis die Panik ihre scharfen Krallen nach ihnen ausgestreckte. Das Wasser stieg schneller, als sie es sich vorgestellt hatten. Wie kraftvoll es dabei strudelte und schäumte! Ob Anna einen anderen Weg aus der Höhle gefunden hatte und sie in der Pension, in der sie mit ihren Eltern Urlaub machten, längst erwartete? Vielleicht hämisch grinsend, um die feigen Brüder anschließend zu verpetzen? Sie fürchteten und hofften es zugleich. Das roch nach einer gewaltigen Menge Ärger und womöglich nach einer Tracht Prügel. Kleinlaut schlichen sie in das Küstendorf zurück, die kleinen Herzen voller Angst und Sorge um die kleine Schwester, die ihnen anvertraut war.
„Macht bloß, dass ihr wegkommt, ihr verfluchten Mistviecher!“
Der Greis fuchtelt, so weit seine Arthrose es zulässt, drohend mit seinem Gehstock in der Luft. Stare waren wie Heuschrecken in den Garten eingefallen und saßen zeternd im Kirschbaum. In der anderen Hand trägt er eine Milchkanne aus emailliertem Metall. Im Takt seines Stocks reiht der Alte vorsichtig einen Schritt an den nächsten, wobei seine Hüfte einen neckischen Kreis beschreibt. Durch die hintere Gartenpforte gelangt er auf einen schmalen Weg und überwindet achtsam Stufe um Stufe hinunter zu den Grotten am Strand. Das Meer ist noch in sich gekehrt, hat sich schmollend zurückgezogen, und der Alte wartet am Spülsaum auf die tiefen Atemzüge des Riesen, der sie wie an jedem Jahrestag für einen kurzen Moment an Land bringen würde. An ihren grauenerregenden Anblick hat er sich noch immer nicht gewöhnt. Wahrscheinlich wird sie wie immer stinkwütend sein. Er hat ihr eine ganze Kanne voller Kirschen mitgebracht und sie würde sich bei dem Anblick vielleicht daran erinnern, wie sie einst die Brüder im Stein-Weitspucken geschlagen hat. Heiko muss ihr heute sagen, dass Erik nie mehr kommen wird und dass auch seine eigenen Tage gezählt sind. Das Haus, vor fast siebzig Jahren erworben, nur um ihr nahe zu sein, ist schon verkauft.
„Schon bald, kleine Anna, wirst du erlöst sein“, sagt er und bereitet sich auf ihre letzte Begegnung vor.
© Inhalt urheberrechtlich geschützt – H. M. Kaufmann Dezember 2022.
Verfremdetes Titelfoto von vappole auf Pixapay – vielen Dank!
