Verkehrte Welt

Drabble

Ich kämpfe mich kraftvoll an die Oberfläche, schnappe gierig nach Luft und sauge sie tief ein, um mit der nächsten Welle wieder hinab in das dunkle, unendliche Braun des Ackersees zu tauchen. Als ich das nächste Mal, begleitet von einem krümeligen Schwall, den ich wie eine geplatzte Blase zurücklasse, nach oben paddele, hätte ich sie sehen können – meine Sehnsuchtsinsel! Eine wundervolle, erdumspielte Oase voller geheimnisvoller Geräusche und Gerüche, inmitten meines stillen Ozeans. Aber ich sehe äußerst schlecht und meine Bestimmung ist das Durchpflügen dieses Elements. Leben und Grab. Man nennt mich Erdwerfer oder Maulwurf, aber manchmal träume ich vom Meer.


© Inhalt urheberrechtlich geschützt – H. M. Kaufman 03.07.2020

Pennyvirus?

„We all float down here!“

Pennywise in „Es“ von Stephen King

„The Stand“ of „It“? Ich hatte offensichtlich wieder viel Zeit für eine spitze Feder und war ein böses, altes Mädchen! Mr King, einer meiner Lieblingsautoren wird hoffentlich nicht pennywisig wegen meiner Pennyvirus-Neuinterpretation.


Nach erwähnter Vorlage, urheberrechtlich geschützt © 2020 H. M. Kaufmann

Das Fossil

Die Vergangenheit von morgen beweint mich mit zähen Honigtränen und reißt mich aus meiner reglosen Gegenwart. Der erste dickflüssige Tropfen fängt, der zweite lähmt mich. Goldgelbe, klebrige Hoffnung auf Unsterblichkeit umhüllt meinen Körper und meine Welt wird still. Für immer müde, für immer wach, für immer tot, für immer lebendig.

Das Verhärten meines Tränenpanzers spüre ich genauso wenig wie das Schmirgeln der Gezeiten, das meine Oberfläche rau und blind macht. Blickdichte Verborgenheit in beide Richtungen. Bald unterscheidet mich nichts mehr von den Kieseln neben mir, außer meinem Gewicht, denn sie wiegen schwer in der Brandung, doch ich bin federleicht.

Äonen verrinnen und ich treibe in ihrer Strömung, bis ich plötzlich vom Zufall gefunden werde. Es wird hell und klar, als die Sonne in das uralte Gefängnis dringt, in dem mein junger Körper zu schweben scheint. Des Zufalls große Augen blicken hinein und entdecken staunend die Vergangenheit. Eine von unendlich vielen. Meine.

Der Zufall denkt an mich, überdenkt die Zeit an sich, wenn er im Herbst den Wald atmet, der sich alljährlich bernsteinfarben entblättert. Und während die Blätter wie Honigtränen regnen, fühlt er sich ein wenig wie ich. Was wohl von seiner Winzigkeit eines Tages bleibt? Ist die Ewigkeit etwa nur ein unsichtbarer Tropfen Harz, der seine Seele konserviert?


Urheberrechtlich geschützt © H.M.Kaufmann, 16.09.2019