Meine Fastenzeit »7 Wochen ohne« ist vorüber und ich habe mein gesetztes Ziel knapp verfehlt. Einige Male habe ich zudem geschummelt und habe in meinem Schreibforum eine Winzigkeit kommentiert. Meine Absicht war, die durch digitale Abstinenz gewonnene Zeit in ein Schreibprojekt fließen zu lassen, um das erste Roh-Manuskript meines Low Fantasy Romans bis Ostern fertigzustellen. Doch die Peripetie und der Showdown müssen sich noch etwas gedulden, weil der Alltag dazwischen funkte.
Ich feiere aber nicht meine Story, sondern freue mich, meinen inneren Schweinehund an die Leine gelegt und mir bewiesen zu haben, dass ich noch zu einem Minimum Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen fähig bin: 90.000 Wörter in 7 Wochen. Das mögen manche Vielschreiber belächeln, aber es ist für mich ein Meilenstein. Es werden sich auch noch etliche Wörter hinzu gesellen müssen, denn veranschlagt habe ich zunächst einen Umfang von 120.000.
Natürlich kam in den Fastenwochen oft das reale Leben in die Quere und ich habe abwägen müssen. Für mein Manuskript bedeutete das den Einsatz von Hilfsmitteln, auch um einen möglichen Flow nicht zu bremsen. Ich nenne solche Passagen »Dehnungsfugen«, denn dort steht dann statt des ausgearbeiteten Textes nur ein knapper Randkommentar, ähnlich »… näher beschreiben« oder »vgl. Recherche«, und diese Einsätze erwarten beim nächsten Durchgang eine ›Dehnung‹, einen detaillierteren Textabschnitt.
Längst ist mein angestrebtes Projekt nicht in trockenen Tüchern (in meinem Fall werden diese Tücher allein aufgrund des Settings massive Trocknungsprobleme bekommen 😀), aber das Gerüst steht, und mit ihm wurden bündelweise lose Notizen erst zu einer neuen stabilen, homogenen Einheit verbunden, dann endlich Papiermüll. Die ersten flüchtigen Gedanken erfasste ich nämlich schon vor zehn Jahren in einem meiner unzähligen Notizbücher. Leider habe ich die Zügel immer dann schleifen lassen, wenn eine Verbindung, eine Figur oder ein Handlungsstrang nicht gefiel, was zur Folge hatte, dass mich jeder verflossene Tag erneut vom Ziel entfernte. Jetzt ist die Storyline fixiert und als Gerüst nahezu fertig. Um im Fachwerk-Bild meines vorangegangenen Beitrags zu bleiben: Die Leistungen des Architekten, der Zimmerleute und Maurer sind erbracht, aber erst die Feinarbeiten nach dem Richtfest machen das Haus bewohnbar. Ich freue mich auf diese Etappe, darauf, den Text nach meinen Vorstellungen sprachlich und stilistisch zu modellieren und bis ins Detail zu bearbeiten. Doch zuvor muss der Mörtel in Ruhe abbinden und die Story etwas ruhen. Währenddessen gönne ich mir wieder mehr Lesezeit und werde mit ein, zwei Kurzgeschichten für Wettbewerbe meine Fantasie zur kurzen Entspannung in andere Gefilde entführen.
Neben diesem für mich wichtigen Schritt im Hinblick auf das Ergebnis, hatte ich erneut – man kann es mir nicht oft genug vor Augen führen –Gelegenheit, mein Verhältnis zum Sozialverhalten (und es selbst) im virtuellen Raum zu überdenken. Was bedeutet und in welchem Maß erlaube ich es mir? Aber an dieser Stelle strecke ich frech meine Zunge raus und sage »Ätsch, privater Lerneffekt!« und behalte das Ergebnis für mich. Jeder kann das nur für sich selbst definieren.
Dennoch freue ich mich darauf, wieder öfter meine Nase ins Schreibforum zu stecken, auch um meinen Horizont nicht der Gefahr einer Schrumpfung auszusetzen, nur weil ich Angsthase zu Kontakten mit ›richtig echten, lebenden Menschen‹ 😲 seit nunmehr sechsundzwanzig Jahren kaum normalen Zugang mehr habe. In klitzekleinem Radius um meinen sicheren Hafen habe ich mich jedoch der Seite meines Steuermanns in Mini-Steps durch den Vorfrühling treiben lassen. Irgendwoher mussten die Bilder für die Collage ja kommen, es sollten unbedingt eigene sein!
Ich wünsche allen, die das lesen, entspannte Feiertage und den Besuch eines fröhlichen und empathischen Hasis, der euch mit Buchstaben gefüllte O-stereier bringt! (Wahrscheinlich sind tatsächlich nur Os drin für Romone, Godochte, Fontosy odor sowos.)
Das Leben mitten in einer von Fachwerkhäusern geprägten Altstadt – unser Nachbarhaus könnte Geschichten aus dem Dreißigjährigen Krieg erzählen –, inspirierte mich zur Aufbau-Methode für mein aktuelles Schreibprojekt. Ich nenne sie meine Fachwerk-Methode. Schritt auf Schritt nacheinander abgearbeitet, nähere ich mich meinem Ziel. Ich bin Grundstücksbesitzer, Bauherr, Architekt, Handwerker und schlussendlich hoffentlich Hauseigentümer in Personalunion, denn ich bin Selfpublisher.
1. Das Grundstück
Zunächst suchte ich ein geeignetes Grundstück, auf das ich mein ›Gebäude‹ stellen will: das Genre und meine Zielgruppe. Wird es ein Rathaus (Sachbuch) oder ein Informationszentrum (Ratgeber), eine Fabrik (ein Kochbuch), ein Kino (Bildband, Bilderbuch), ein Campingplatz oder Zoo (Anthologie, Gedichtsammlung)
oder ein Wohnhaus (Roman)? In diesem Fall soll ein kleines Fachwerkhaus, ein Low Fantasy Roman (magischer Realismus) für eher junge Leser jeden Geschlechts, aber kein reines Jugendbuch, entstehen.
2. Das Fundament
Auf diesem Boden wird ein solides Fundament errichtet, der feste Untergrund aus einer tragfähigen Idee oder einem Pitch. Ich bekomme einen ersten Eindruck von der Größe, vom Umfang. Was soll wie erzählt werden? Perspektiven und Tempi werden fixiert. Eine Bauzeichnung (Schema, Zeitstrahl, Stammbäume) kann helfen, den Überblick zu behalten.
3. Das Skelett/Gerüst
Form follows function, war schon im Industriedesign mein persönlicher Leitfaden. Das Gebäude nimmt endlich formale Gestalt an. Schwelle und Rähm (für Akte oder Teile), Ständer (für Kapitel), Streben (für Spannungsbögen) bilden die horizontalen, vertikalen und schrägen Rahmenbedingungen für ein statisch belastbares Fachwerk-Gerüst.
Je sorgfältiger bei dieser Struktur gewerkelt wird, desto leichter geht die Folgearbeit von der Hand. Das habe ich auf höchst frustrierende Weise erst selbst erleben müssen, nachdem ich das Projekt beinahe aufgegeben hätte. Ich beging den großen Fehler, einfach draufloszubauen bis zu dem Punkt, wo alles einstürzte. Hatte ich mich auch für dieses Buch auf meinen entdeckenden ‚Pantser‘-Instinkt verlassen, gehofft ohne Plotten nur meinen Figuren folgen und ihnen zuhören zu müssen, führten sie mich jetzt mal in die Irre, mal an der Nase herum. Warum? Weil ich in Wahrheit bloß auf einen bequemen Weg aus war. Schlussendlich half nur der Abriss! Die Rahmenstruktur hängt nicht vom Autor, sondern von der Erzählung selbst ab und die kenne nur ich. Jede Story fordert ein anderes Vorgehen. Keine fremde Struktur löste deshalb mein Problem, weshalb ich eine flexiblere, ein Mix aus Plot und Discovery finden musste.
Das Baumaterial hatte ich noch, und so startete ich zu Beginn meiner Digital Detox Fastenzeit gänzlich neu mit der bekannten Dreiakt-Struktur: Setup, Confrontation, Resolution, also Ausgangssituation, Konflikt und Auflösung. Ausführlichere Tipps zum Dreiakter gibt es zuhauf im Internet und in vielen Ratgebern. Drei ausbaufähige Etagen sind für meine Story ideal, da sich die Zahl auch inhaltlich wiederfindet. Aber ich halte mich nicht an die empfohlene Feineinteilung des Dreiakters, in dem jedem Kapitel ein bestimmter Handlungsschritt zugewiesen wird. Das ist mir zu eng. Wichtig ist eine konstante Entwicklung der Protagonisten und eine Handlung mit Vorschub zu ermöglichen und die notwendigen Wendepunkt zu setzen, die eine Veränderung auslösen.
So plante ich den groben Plot mit zeitlichen Abläufen und fixierte alle wichtigen Eckdaten, Settings und Charaktere. Da ich auf zwei Zeitebenen unterwegs bin, muss das zeitlich korrekt recherchiert und Spannungsbögen verbaut werden! Der letzte Akt ist die Dachetage – hier spitzt sich alles buchstäblich zu! Darüber hinaus habe mich im Erdgeschoss zu einem kleinen Anbau mit dem Haupteingang, der hoffentlich einen einladenden Einstieg verheißt: den Prolog.
4. Das Dach
Die zugespitzte Dachetage ist der abschließende Höhepunkt, der Showdown. Sie ist zugleich Speicher für alle relevanten Kerninformationen. Alles läuft jetzt zusammen und verleiht dem Haus Halt.
Ich habe mich, als Pendant zum Prolog, zusätzlich für einen Epilog entschieden. Das wird meine Dachgaube. Sie ermöglicht einen kleinen Ausblick in eine neue, andere Richtung (womöglich ein Cliffhanger für einen Folgeband?). Prolog und Epilog sind keine unnützen Appendizes, sie sind geplante Anbauten und somit Teile der Form und Struktur!
5. Das Gefache
Das Gerüst steht endlich. Nun kann es Etage für Etage mit Text gefüllt werden. Für meinem Dreiakter heißt das, im Umfang etwas abweichend vom klassischen Muster, auf den 1. und 3. Teil entfallen jeweils etwa 30% (inklusive Prolog, bzw. Epilog) des Gesamttextes und auf den mittleren Teil die restlichen 40% des Gesamttextes. Am Ende des 1. und 2. Teils ist jeweils ein Plotpoint und in etwa der Mitte des 2. Teils ein Midpoint kalkuliert. Ein Roman dieses Genres hat durchschnittlich 100.000 bis 120.000 Wörter (+/- 10%). Entsprechend teilte ich mir meinen (PapyrusAutor-) Arbeitsplan grob auf. Trotzdem will ich flexibel bleiben und mich spontan für Änderungen der Kapitel- oder Wörterzahl entscheiden dürfen.
Da ich den Plot absichtlich nicht sehr detailliert ausgearbeitet habe, ›mauere‹ ich ihn in Mini-Etappen und plane nur die nächsten Szenen oder Kapitel. Dabei nie die Logik aus den Augen verlieren! Im Mauerwerk lasse ich immer wieder Öffnungen und ›Dehnungsfugen‹, also Blankostellen für Details, die ich mit entsprechenden Randkommentaren versehe, um sie später, ohne Unterbrechung des Schreibflusses mit Feinarbeiten zu füllen. Zur Belebung werden Fenster/Ausblicke eingesetzt (kleine Abschweifungen).
6. Innenausbau
Dieser Schritt ist der finale und wichtigste! Erst durch mehrfache Überarbeitung wird das Haus zum fertigen, bewohnbaren Werk, in dem sich Bewohner und Gäste hoffentlich wohlfühlen werden. Sie ist zeitaufwendig, aber unabdingbar, will man ein ästhetisch und inhaltlich überzeugendes Ergebnis, eine Bauabnahme. Sprache, Tonalität, Stimmung, Stil, Jagd auf Fehler in Logik, Rechtschreibung und Interpunktion. Jeder hat eine andere Vorgehensweise. Während geübte und/oder talentierte Schreiber vielleicht schon nahezu druckreif schreiben, bin ich abhängig von meinen Überarbeitungen, da ich zunächst den Fokus auf die Ereignis-Abfolge richte, und erst in diesem letzten Schritt an Formulierungen feile.
Zeit, sich gegebenenfalls Hilfe bei Zimmerleuten, Malern, Installateuren – also, Lektorat, Korrektorat, und Testleser – zu holen. Profis wären die beste, aber leider auch die teuerste Wahl und kommen für mich leider nicht in Betracht.
7. Putz/Fassade
Oft Stiefkind des gesamten Baus, insbesondere bei Selfpublishern. Und doch, das Haus benötigt Verputz, Zierrat, Schnitzerei, die den Erbauer benennen, eine Farbschema für den Schutzanstrich und Schmückendes, um zu gefallen und den einzigartigen Charakter zu unterstreichen. Beim Buch ist es die Covergestaltung, die egal, ob originell oder klassisch, aber stets werbewirksam ausfallen muss. Dem Klappentext, der Typografie und Grafik sollte sich der Bauherr oder ein Dienstleister ausgiebig und detailverliebt widmen. 08/15 bedeutet, unbeachtet in der Masse zu verschwinden.
8. Grundstücksgestaltung
Das Gebäude ist fertiggestellt, muss aber noch attraktiv in Szene gesetzt werden, einen würdigen Rahmen erhalten, ganz nach Geschmack und Intention. Nutzgarten oder Erholungsraum, für Angeber oder Ökos, junge Familie oder Senioren – kurz, die Werbetrommel für die erwünschte Zielgruppe sollte nun auf Hochtouren arbeiten. Am besten schon den Bau begleitend damit beginnen!
Am Ende meiner oben erwähnten Fastenzeit wollte ich die Fertigstellung des ersten Rohbaus erreichen. Das wird eng werden, denn der dritte Akt ist soeben erst begonnen worden. Und doch bin ich weit gekommen nach dem Abriss, und die Motivation wurde mächtig gepusht! Vielleicht konnte ich mit meiner Vorgehensweise jemanden ermuntern, sich auch an einen eigenen Hausbau zu wagen? Möge Euch das gelingen und das Werk genauso lange überdauern wie das auf dem Titelfoto. Allerdings ist das nur ein Zweiteiler, aber immerhin mit Prolog und Epilog! 😉
Titelfoto von Anaterate auf pixabay/Foto im Text von AnnaER auf pixabay – vielen Dank!
Nahezu sämtliche, von mir verfolgten Diskussionen um den Einsatz von KI beim Schreiben von (vornehmlich) belletristischer Literatur scheinen mit dem Fazit zu enden: KI böse, Mensch gut.
Es wird jedoch keine Umkehr geben, denn alles was möglich ist, setzen Menschen früher oder später um. Es geht also um den Umgang und die Akzeptanz von KI beim Schreibprozess. Selbstkritisch betrachtet, arbeiten KI und Mensch zudem längst nicht so unterschiedlich. Je früher wir einsehen, dass viele das menschliche Genie oft überbewerten und KI als seelenlos abstempeln, desto schwerer können wir die künftige Entwicklung annehmen und werden uns in der Rührseligkeit vergangener Zeiten und unserer Hybris aalen.
Auch ein menschliches Gehirn kann (wie KI) zunächst nur das speichern und ‚neu zusammenfügen‘, was zuvor hineingelangte. Ein (hoffentlich fiktiver) Mensch, der nie ein Buch las, nie Geschichten lauschte und keinerlei bildende Kontakte hatte, wird mitnichten in der Lage sein, ein Buch zu schreiben. Allein der Zugriff auf seine Seele, auf seine Emotionen reichen dafür nicht aus. Aus diesem Grund wird jedem neuen Schreibwilligen geraten, zunächst VIEL, sehr viel zu lesen, um den Gebrauch des ‚Werkzeugs‘ zu erlernen.
Ergo: Auch wir setzen, wie die KI, genau genommen neu zusammen, was wir gespeichert haben. Da unsere Kapazität jedoch deutlich niedriger ist als die modernsten Rechner, speichern wir das ab, was uns besonders wichtig, von besonderer Tiefe oder Emotionalität erscheint – wir filtern, werten, speichern, und als Maßstab gilt unsere eigene Biografie. KI hingegen nimmt bedingungslos alles, was ihr zugeführt wird. Sie hat keine Wertvorstellung. Das bedeutet, im Kern tun wir das Gleiche, wenn wir schreiben. Ein Mensch schreibt nicht per se besser weil er aus Fleisch und Blut ist. Jede Redewendung hörten oder lasen wir schon, weshalb sie auch nicht wirklich die unsere ist. Auch unsere Plots stellen wir nur neu aus dem zusammen, was uns in Erinnerung geblieben ist und was wir dann anpassen. Das Rad ist längst erfunden. Natürlich hören wir das nicht gerne, denn wir wollen ja unsere Einzigartigkeit feiern. Wir leugnen, wir behaupten, besondere Einblicke, besondere Gefühle, eine besondere Sprache, einen eigenen Stil zu haben, aber selbst wenn das mal zutrifft, nimmt ein anderer Geist es auf und wandelt es in seine. So wie KI! By the Way: Einen Prompt für ein gutes KI-Buch schreibt auch kein Depp!
Es wird darauf hinauslaufen, dass der menschliche Geist und KI gemeinsam Texte erschaffen werden und der Leser entscheidet, ob ihn das Werk berührt, im hilft, ihn unterhält, ihn etwas lehrt, ihn in fremde Welten entführt oder nur Freude bereitet. In fünfzig Jahren wird es niemanden mehr interessieren, wie groß der jeweilige Anteil Mensch/Maschine sein wird. Das können wir bedauern, wir können heulen und mit den Zähnen klappern, aber weder verhindern noch aufhalten. Aber wir können an der eigenen Anspruchsschraube drehen in dieser Kooperation. Wir können dem Kommerz folgen und den Markt bedienen mit dem, was wie geschnitten Brot läuft. Doch sollten auch Bücher für Menschen verfasst werden, die sich dafür entscheiden, nicht nur Zeit totzuschlagen und Spaß zu haben, sondern etwas höhere Ziele verfolgen. Also Henne oder Ei?
Der Sektor TV ist dieser Frage minimal voraus und die Entwicklung ist mehr als traurig. Das Medium befriedigt ausschließlich den Massengeschmack, je trashiger, desto besser. Ergebnis: Die Zuschauer wollen immer mehr von dem Mist. Kein Bildungsfernsehen, sondern Erziehung zum Gegenteil, womit zwangsläufig die Nachfrage steigt. In Kombination zum tumben Digitalangebot von entsprechenden Plattformen, zeichnet sich ein düsteres Bild für unsere Zukunft, unseren IQ ab. Und der Buchmarkt ist im Begriff eine ähnliche Entwicklung zu verfolgen: Bedienung des Massengeschmacks, billig und schnell produziert (KI sei Dank) für den schnellen Verzehr ohne Nachklang. In einem ist uns die Technologie überlegen: Sie ist schneller, sie ist präziser.
Wir können den fließend einsetzenden KI-Support oder sogar gänzlich von KI geschriebene Bücher nicht verhindern, aber wir können an unserem eigenen Vorlieben und dem Anspruch arbeiten. Bleiben 08/15 Bücher in den Regalen stehen (egal ob von Mensch oder KI) wird der Buchmarkt sich selbst regulieren. Angst muss letztlich nur der Schreibende haben, der schon jetzt spürt, das Rennen zu verlieren.
Ähnlich verhält es sich mit KI generierten Bildern. Und doch gab es über die Zeiten unvergessene Talente, die Herausragendes schufen. Heute dienen sie als Trainingsmaterial für einen Prompt, wie bspw. „Bitte generiere mir ein Bild von einem Mohnfeld in Stil von van Gogh“. Dennoch entsteht keine wirkliche Kunst.
Ich bin in dieser Hinsicht froh über mein Alter ü70, das mir die Freiheit schenkt, mir Zeit für meine eigenen Ideen zu nehmen, denn ich bin nur noch an einem Ergebnis interessiert, mit dem ich zum Zeitpunkt einer Veröffentlichung zufrieden bin, aber vor allem liebe ich den Prozess dorthin! Ich nutze längst nicht alle, aber viele KI-Tools (Stilananlyse, Korrektur …) meines Schreibprogramms und recherchiere im Internet. Aber für jedes einzelne Wort, jede Redewendung, jeden Plot, jede Story samt ihrer Figuren trage ich allein die Verantwortung. Schaffensfreude!
Das Titelbild ist von Fran Soto auf pixabay – vielen Dank!
Die tollen Tage sind vorüber und für viele Gläubige hat die Fastenzeit bis Ostern begonnen, und obwohl ich Agnostikerin bin, werde ich mich der Aktion der Evangelischen Kirche, den „7 Wochen ohne“ für mich selbst im Stillen anschließen, um meinen Kompass neu auszurichten. Zu Jahresbeginn cancelte ich schon meinen Instagram-Account, werde aber in der sympathischen Schreib-Community, neben dieser Website der letzte Haltefaden meiner Vernetzung, aktiv bleiben, weshalb ich aber immer noch eine digitale Abhängigkeit spüre, die mir nicht bekommt. Der unwiderstehliche Drang, in dem Forum nicht nur zu lesen, sondern mich zuweilen darin zu verlieren und meinen Senf dazugeben zu müssen. Ich will lernen, mich etwas zurückzunehmen. 7 Wochen ‚Digital Detox‘ also.
In diesen Wochen bis Ostern möchte ich stattdessen die gewonnene Zeit primär in mein aktuelles Schreibprojekt investieren, ohne Ablenkung von Dingen, die meinem Steuer entglitten sind. Ich habe diese Form des Fastens schon früher bspw. mit Verzicht auf das Rauchen (eine gute Vorübung für das endgültige Aus), auf Zuckerkonsum (leider bis heute persönliches Minenfeld) oder auf Social Media mitgemacht und durch den befristeten Verzicht jeweils gelernt. Es hatte stets die Wirkung eines persönlichen Resets. Ich werde also bis Ostern im Forum keine Herzchen vergeben und mir Kommentare verkneifen, werde für für kurze Zeit unsichtbar. Allerdings werde ich zuweilen still mitlesen, um später nicht alles aufholen zu müssen.
Meinem Schreibprojekt, an dem ich schon einige Jahre arbeite, es immer wieder aus fadenscheinigen Gründen zurückstelle und mit erfolglosen (Ausnahme siehe unten) Kurzgeschichten-Wettbewerben prokrastiniere (hier die Neuzugänge 😆), wird diese Arbeitszeit hoffentlich den endgültigen Kick zur Fertigstellung geben. Zunächst in der Rohfassung und, wenn mich der Schlendrian nicht vorher findet, mit einer Veröffentlichung hoffentlich noch in diesem Jahr. Mal sehen, wann und ob ich ein bisschen mehr verraten kann.
Es war tatsächlich der gänzlich überraschende Gewinn (Papyrus-Seitenwind 2024, „Offene Enden“, Thriller-Finale) der aktuellsten Version Papyrus 12, meines Schreibprogramms, der den Anreiz bot, mich endlich wieder auf das zu besinnen, womit ich meine freie Zeit am liebsten verbringe: Geschichten schreiben – egal in welcher Länge.
Alles hat seine Zeit. Alles, was beginnt, geht irgendwann zu Ende. So wie meine Zeit bei Instagram, eine Social Media Plattform, die ich vor zehn Jahren für mich entdeckte und dann zunächst mit zwei Accounts, später dann mit meinem Autorenprofil nutzte.
Mein endgültiger Rückzug zu Beginn des aktuellen Jahres war lange und gut überlegt, denn es gibt natürlich interessante, informative und einfach schöne Profile von und über Menschen und ihre Arbeit, die ich bewundere und denen ich gerne weiter gefolgt wäre. Sie sind Botschafter für Dinge, die sie lieben, für die sie brennen und mich für mein Umfeld sensibilisieren.
Aber so, wie ein Tropfen Gift ein ganzes Gewässer verseuchen kann, ist durch Profit-Gier und Größenwahn eine toxische Community entstanden, die nichts mehr liebt als das Stiften von Unfrieden, das Schüren von Hass und Neid und die Verbreitung (absichtlich oder wider besseren Wissens) von Fake-Inhalten.
Meta, der weltgrößte Anbieter von sozialen Medienplattformen, hat eine weitgehende Kehrtwende im Umgang mit Falsch- und Desinformation angekündigt. Unmittelbar vor dem Amtsantritt von Donald Trump teilte Meta-Chef Mark Zuckerberg in einer Videobotschaft am Dienstag mit, in den USA seine Kooperationen mit externen Faktencheck-Journalisten einzustellen.
Auch Warnhinweise und sonstige Einschränkungen für nachgewiesen falsche Inhalte auf den Plattformen werden zurückgeschraubt. Die Einschränkungen für Hassrede werden in bestimmten Punkten aufgeweicht.
Wie sollen künftig falsche Inhalte gekennzeichnet werden?
Anstelle von professioneller Verifikation soll bei Facebook und Instagram künftig ein System von nutzergenerierten Anmerkungen, sogenannten Community Notes, treten. Wie die genau funktionieren sollen, ist noch nicht bekannt.
Auch Änderungen bei Umgang mit Hassrede
Die Einstellung von Faktencheck-Kooperationen ist nur ein Teil der Veränderungen auf den Meta-Plattformen. Auch die in den USA gültigen Hausregeln gegen Hassrede wurden zurückgeschraubt – etwa mit Blick auf sexuelle Minderheiten: „Wir erlauben Anschuldigungen psychischer Erkrankung oder Abnormalität mit Blick auf Gender oder sexuelle Orientierung (…).“
In der deutschen Version dieser Guidelines finden sich keine entsprechenden Regelungen, hier ist vergleichbare diskriminierende Sprache weiterhin untersagt.
(Quelle: Nils Metzger, zdfheute.de; 08.01.2025)
Schlimmer gehts nimmer, dachte ich. In einer solchen Schein-Informationswelt stehen nicht die Türen offen für Lügen und Diskriminierungen, es fehlt das komplette Dach! An dieser Demontage von Demokratie will ich nicht beteiligt sein!
Getoppt wird diese Entwicklung von ungezügelter Vorführung wehrlos ausgelieferter Minderjähriger, die unter dem Deckmantel der Information schamlos von manchen Eltern-Egos ausgenutzt werden, und einer Flut von Werbung, die jeden Nutzer geradezu ertränkt. Leider wird dieser ganze profitorientierte Müll vom Betreiber nicht nur toleriert, sondern ist höchst willkommen und wird durch entsprechende Algorithmen gefördert. Das Ergebnis: Große werden größer, Kleine verschwinden.
Man riet mir, doch einfach nichts mehr aktiv beizutragen, mich ohne Account-Kündigung bloß noch unterhalten zu lassen. Aber ich suche keinen Zeitvertreib, keinen Zeitdieb, der mir meine Aufmerksamkeit stiehlt, während ich versuche, Realität von KI-Fake zu unterscheiden, um schlussendlich nichts und niemandem mehr zu glauben. Der mich hirnlos durch bunte Bilder sliden und vergessen lässt, was mir wirklich wichtig ist. Ich will nicht Teil dieser zunehmend beängstigenden Kulturentwicklung sein, mich nicht einem unpersönlichen Algorithmus unterwerfen und den Kanal mit inhaltsleeren Beiträgen verstopfen, um ihm zu gefallen und als Mensch wahrgenommen zu werden.
Das Einzige, was ich tun konnte, war, mich aus der Rechnung herauszuziehen, den Fluchtweg zu suchen und den Notausgang zu erreichen: die Löschung meines Accounts. Draußen träume ich nun von einer europäischen Version der alten Idee von Instagram, ersonnen von pfiffigen Programmierern, die dieses Gift nicht dulden – vielleicht sogar ein Kanal nur für Kreative, Künstler, Buchliebhaber, ob zeichnende, bildende, lesende oder schreibende, schaffen.
Ich beende meinen Abgesang mit einem ehrlichen Dank an all die lieben Begleiter und Follower dieser Zeit. Der Austausch mit euch war wundervoll und bereichernd, doch für mich muss etwas Neues beginnen. Wer will, ist jetzt auf dieser Website jederzeit willkommen, denn hier habe ich das Hausrecht und, wenngleich auch in größeren Abständen, bemühe ich mich, aktuell zu bleiben. Die Vernetzung wird leider immer überschaubarer, mein reales Leben aber zu meiner Freude auch.
Alles Gute und liebe Grüße
Heather ❤️🩸
Das Beitragsfoto ist von Tama66 auf pixabay – vielen Dank!
„Hey – Pippi Langtrump, trallari trallahey tralla hoppsasa, Hey – Pippi Langtrump, der macht, was ihm gefällt.
Ich hab‘ ein Haus, ein watteweißes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die schauen dort zum Fenster raus.
Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt ….“
Man kann sich unmöglich 24/7 mit Schreibprojekten beschäftigen. Die Kreativität sucht Auszeiten, während der Verstand mit Tagesnews abgelenkt ist. Doch wehe, die Beiden begegnen sich … Manchmal muss es dann einfach raus! 😲
Random Fact: Ich habe als Kind nahezu alle Bücher von Astrid Lindgren gelesen, fand jedoch nie einen Zugang zu der Figur „Pippi“, die mir schon als Kind suspekt erschien mit ihrer verrückten Fantasie, die keinen Platz ließ für Nachdenklichkeit. Alle Probleme (für Pippi schien es keine zu geben) verniedlichte sie oder überspielte sie. Sie „machte sich ihre Welt“, wie sie sie haben wollte, setzte sich dabei nicht nur über Vorstellungen anderer hinweg, sondern machte sie lächerlich. Die Kluft zwischen den Vorstellungen der Welt der Erwachsenen (jener Zeit!) und der kindlichen Wunschwelt wurde so nicht geringer, sondern vertiefte sich. So jedenfalls nahm ich es, damals noch diffus, wahr.
Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken, deshalb: Die Handzeichnung stammt zwar aus meiner ‚Feder‘, wurde aber mit Vorlagensupport einer KI gestaltet, die ich mit meinen Prompts gefüttert habe. Die von mir verfremdeten Liedzeilen beruhen auf der Originalvorlage von Astrid Lindgren, die für die Fernsehserie ins Deutsche von Wolfgang Franke und Helmut Harun übersetzt wurden.
Fast geschafft! Die Buchdaten sind an Books on Demand übermittelt, und nun beginnt die aufregende Wartezeit bis zum offiziellen Erscheinen und der damit verbundenen Möglichkeit zur Bestellung. Hoffentlich klappt alles mit den Druckfarbergebnissen des Covers, das sich hier schon vorstellt!
Der Klappentext als Appetizer:
Wir stehen unter Hochspannung oder auf der Leitung. Wir sind überspannt, leisten Widerstand, oder wir sind geladen, bis uns die Sicherungen durchbrennen.
Wir werden vom Schlag getroffen und erkennen, obwohl wir unter Strom stehen, oft nicht, was ‚Masse‘ oder ‚Phase‘ ist, worauf wir, vollkommen durchgeknallt, mit Kurzschluss-Handlungen reagieren.
Schlägt die Liebe wie ein Blitz ein, sind wir wie vom Donner gerührt, fühlen uns elektrisiert oder geerdet .
Zwölf fiktive Geschichten aus den knisternden Genres Suspense und Romance mit einem Funken Magie, sowie eine True Story bezeugen unser metaphorisches Spannungsverhältnis zwischen positiver und negativer Energie, zwischen lebenswichtig und lebensgefährlich.
Zum Inhalt erscheint in Kürze eine ausführlichere Information unter dem Menü Books.
Ein gebotenes Sabbat-Jahr, in dem ich kaum geschrieben habe, liegt zwischen diesem und meinem vorangegangenen Beitrag. Bisher bereicherten einige ungekürte Teilnehmer an Kurzgeschichten-Wettbewerben, neben extra verfassten, die Rubrik ›Tiny Tall Tales‹ auf dieser Website. Doch bestürzt stellte ich fest, dass es inzwischen so viele wurden, dass eine übersichtliche Menü-Führung nicht möglich ist, ohne den Tarif aufzurüsten und das Template zu ändern. Vorläufig möchte ich daran jedoch nichts ändern.
Wohin nun mit meinem neuen Shorty »Eiskalt«? In die demnächst erscheinende BoD-Anthologie »Crime between the Pages« hat er es nicht geschafft, aber, und zu dieser Überzeugung habe ich mich überredet, er hat den Einzug in ein Buch verdient. Der überraschende Gewinn des genialen Papyrus 12–Schreibprogramms war der Wink des Schicksals. Er verführte mich mit seiner erweiterten Buchdesign-Option und macht mir Mut für das spontane Zwischenprojekt.
Dreizehn Kurzgeschichten zwischen lebensweise und lebensgefährlich, zwischen elektrisierend und entspannend habe ich zusammengetragen, um, so alles wunschgemäß verläuft, es noch zu Beginn des Frühling als Taschenbuch herauszubringen. Rechtzeitig als Ferienbegleitung oder als Liegestuhl-Lesehäppchenteller oder überall dort, wo die verfügbare Zeit nur für eine kurze Geschichte reicht.
Das Büchlein ist entweder extrem schüchtern, oder es kennt schon die Gesetze des Marketings. Es kündigt sich früh an, zeigt aber noch nicht alles von sich und macht es spannend. Also gibt es zunächst nur einen verhüllten Appetizer – ein Cover undercover. Wie sagt man heute dazu passend: Stay tuned – dranbleiben!
Titelbildcollage unter Verwendung eines Hintergrundfotos auf Pixabay – vielen Dank!
Meinen letzten Beitrag „Ey Alter, verpiss dich“ auf dieser Website veröffentlichte ich vor fast drei Monaten. Wer mit seiner Meinung aus dem eigenen Schatten in die Öffentlichkeit tritt, hofft, zum Nachdenken anzuregen, zu inspirieren, Gesprächsstoff zu bereichern oder Fantasien zu befeuern. Doch ganz ehrlich: Dafür ist meine Reichweite zu gering. Aber es ist etwas Seltsames geschehen, denn ich habe mich selbst inspiriert! Aus meinen zynischen Bildern am Ende des Beitrags entstand eine Story-Idee, von deren Umsetzung ich zunächst noch keine konkrete Vorstellung hatte. Sollte es ein voluminöser Sci-fi-Roman werden, der einen umfassenden Weltenbau erfordert? Zuviel für die Botschaft! Eine Kurzgeschichte? Zu wenig Raum, um einen Handlungsrahmen zu schaffen!
Aus dem alten Jahr wurde unterdessen ein neues. Da weckte untenstehende Werbung meine Aufmerksamkeit und ich folgte ihr bis zu den Bedingungen des dort ausgeschriebenen Wettbewerbs.* Innerhalb weniger Tage reifte die Idee zu einem Grundgerüst, das es im Anschluss auszugestalten galt. Formale Bedingungen legten etliche Steine in den Weg und wurden von manch deftigem (und, kritisch betrachtet, z.T. berechtigten) Fluch begleitet! Eine echte Herausforderung, aber sind nicht gerade sie es, die uns besondere Zufriedenheit bereiten? Ein Problem zu lösen, macht uns glücklich. Puzzle-Hersteller leben davon!
Für mich kam die kostenlose Teilnahme in vielerlei Hinsicht zur rechten Zeit, denn eine teure Veröffentlichung hätte ich mir nicht leisten können. Vielleicht ergreift noch jemand die Chance – die Frist läuft erst in rund einem Monat ab.
Aber, es ist vollbracht und ich freue mich, euch meine kleine dystopische Erzählung vorstellen zu können, die am 26. Januar erschienen ist.
Begleitet Hazel Piper die letzten zwölf Monate bis zum Ablauf ihres Final Countdown.
Auszug aus den Teilnahmebedingungen von story.one:
Äußerlichkeiten zählen, denn auch dein Cover soll einen guten ersten Eindruck hinterlassen.
Verfasse eine ansprechende Buchbeschreibung und füge eine informative Biografie hinzu. Widme diesem Schritt ausreichend Zeit, da das Jurorenteam und die potenzielle Leserschaft nach einem Buch Ausschau halten wird, das heraussticht.
Jetzt beginnt die Hauptarbeit: Schreibe 12 bis 17 Stories à drei Buchseiten (das sind bis zu 3500 Zeichen inkl. Leerzeichen pro Text, abhängig von der Anzahl der Absätze) für dein Buch. Die Kapitel können zusammenhängende Texte/Geschichten darstellen oder Kurzgeschichten, die für sich selbst stehen.
Anmerkung zum letzten Punkt: Tatsächlich stehen je Kapitel insgesamt 4 Buchseiten zur Verfügung. Die erste ist stets eine reine Bildseite (Foto, Zeichnung, Zitat o.ä.), die folgenden drei (alle gilt es zu füllen!) sind Textseiten. Die angegebene Zeichenzahl ist in Wirklichkeit niedriger als angegeben, und ich musste den Rotstift nochmals richtig tanzen lassen, um mein Manuskript passend zu bekommen. Dialoge haben es bei der Art der Formatierung besonders schwer, da die Absätze zu groß ausfallen. So mussten wechselnde Stimmen sich Absätze teilen, was die Lesbarkeit u.U. einschränkt. Fazit: Grenzenlose Freiheit gibt es auch hier nicht ;o).
Titelbildcollage unter Verwendung eines Hintergrundfotos von ThankYouFantasyPictures auf Pixabay – vielen Dank!
In zwei Lebensphasen scheint das Messen des Alters in Jahren eine besondere Bedeutung für Menschen zu haben. Das ist zum einen die Kindheit und Jugend, weil die Entwicklung in dieser Zeit eng an das Lebensalter gebunden ist. Ein zweijähriges Kind hat in der Regel noch nicht die Reife eines Schulkindes oder eines in der Pubertät befindlichen oder gar die eines älteren Jugendlichen. CHECK!
Irgendwo zwischen 18 und 58 Jahren sind wir einfach junge, mittelalte oder ältere Erwachsene, denen aber keine altersspezifischen Eigenschaften zugesprochen werden, was ihre Energie, ihre Aktivität, ihre Leistungsfähigkeit oder ihre intellektuelle und psychische Entwicklung betrifft. Dieser Abschnitt ist der längste, unkomplizierteste und beliebteste. CHECK!
Ab einer schwammig definierten Grenze, die oft mit dem Eintritt ins Rentenalter, dem Status Großeltern zu sein (ungeachtet sehr junger Ausnahmen), oder lediglich mit der inflationär steigenden Zahl der Falten und grauen Haare einhergeht, erreichen wir den letzten Lebensabschnitt. Dieser ist nicht nur durch allmählich einsetzenden körperlichen oder geistigen Abbau gekennzeichnet, sondern, und das wiegt deutlich schwerer, durch Ausgrenzung in der Gesellschaft. CHECK!
Wer sich wie ich in dieser finalen Phase befindet, dem fällt die oben abgebildete und paradox anmutende Annonce, die ich in einem regionalen Käseblättchen entdeckte, sofort ins Auge. Sie trifft in aller Schlichtheit den wahren wunden Punkt. Leser fragen sich sofort, wie man eine „junge Seniorin“ sein kann. Oder man fragt sich, warum das Alter überhaupt eine Rolle spielt, wenn man eine Wohnung sucht. Hat man nur bis zum Eintritt ins Rentenalter ein Anrecht auf Wohnraum? Zählt Rentenzahlung mehr oder weniger als Lohn und Gehalt? Oder hat die vermietende Partei Angst, die Treppen- oder Bürgersteigreinigung könnte nicht erledigt werden oder schlimmer noch, die Mieterin, der Mieter könnte schneller ‚hinfällig‘ werden? Vielleicht ist es die Angst, statt Fahrrad oder Kinderwagen könnte ein Rollator im Hausflur stehen. Wie abturnend ist das denn!
Was für grauenvolle Vorurteile haben wir inzwischen über einen Lebensabschnitt gezüchtet, den wir andererseits alle anstreben? Wir wollen doch alt werden. Doch erst wenn es so weit ist, erlebt man, was es heißt, ausgemustert zu sein. Allenfalls gut für zweifelhafte Witzchen über Gehhilfen, Inkontinenz, Altersstarrsinn oder dementielles Vergessen. Im günstigsten Fall gefragt als Ersatz für geschlossene oder überlastete Kitas und ausgebrannte Eltern. Steckt hinter der fehlenden Wahrnehmung für das Alter der panikerfüllte Gedanke, sich nicht mit Menschen abzugeben, deren Sanduhr von Zukunft zu Hoffnungslosigkeit durchgelaufen ist?
In der Werbung werden Seniorenwünsche reduziert auf die Bereiche Gesundheit, finanzielle Absicherungen, der richtigen Seniorenresidenz und Pflege-, bzw. Sterbevorsorge. Autos, Mode, Technik und Medien und viele andere hippe Märkte sind jungen Menschen vorbehalten, bei denen Hoffnung auf Zukunft besteht und denen man durch den Erwerb der richtigen Konsumgüter lange Zeit den Gedanken an die eigene Endlichkeit verdrängen oder versüßen hilft.
Die unangenehmste Ausgrenzung ist eine schleichende. Altern ist ein Mutationsprozess, in dem sich der Mensch von selbstbestimmt, kreativ und ernstgenommen in die Form eines Wesens morphen lässt, dem niemand mehr etwas zutraut, und dem man jeden Tag respektlos vor Augen führt, dass er eigentlich nur noch gesellschaftlicher Ballast ist. Bezogen auf das Schreiben, einem Thema, das mich besonders interessiert, lese ich von Verlagen oder Schreibwettbewerben, bei denen vorwiegend junge Stimmen gehört werden wollen. Ja, ältere Autoren könnten plötzlich versterben und, einmal am Buchmarkt eingeführt, nur für eine Eintagsfliege gut gewesen sein. Ich kenne etliche Reihen von etablierten Autoren, die wie geschnitten Brot laufen, doch nur weil sie wie ein Uhrwerk liefern. Dann, aber auch nur dann dürfen sie in Würde altern. Im Ergebnis freut sich der Kommerz (ohnehin der wichtigste Marker unseres Daseins), aber kulturelles Niveau wird sich immer weniger gegenüber Produkten für den Massengeschmack durchsetzen können. Wenn wir uns mit diesem Ziel zufriedengeben wollen …
Eine Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht. Wie vereinbare ich das mit dem Wissen über steigende Altersarmut, über Pflegeleistungen, die weder für die Betroffenen, noch die Angehörigen bezahlbar sind, über fehlende Pflegekräfte und über die Diskriminierung oder Demütigung alter Menschen. Kinder, Kranke, Behinderte, Geflüchtete haben eine (oft nur kleine) Lobby. Aber Alte? Das riecht nach „lohnt doch nicht mehr für die paar Jährchen“. Von einer Gleichberechtigung aller Menschen, von der Wiege bis zur Bahre, ist unsere Gesellschaft noch Lichtjahre entfernt!
Im Angesicht des demografischen Wandels sollten wir beginnen, den letzten Lebensabschnitt ernster zu nehmen und ihn aus der miefigen Grauzone ins Tageslicht zu zerren. Meine Zukunftsvision ist derzeit so dunkel, mir vorzustellen, dass Menschen nach ihrem letzten Arbeitstag eine Dankes-Email ihrer Regierung mit einem Code und einem Termin erhalten werden. Am genannten Tag müssen sich die Ausgemusterten an ihrem persönlichen Apothekenautomaten mittels Code ihre Ration „Rapid-Ex“ abholen. Sie haben anschließend fünf Tage Zeit zur Einnahme. Wird ihr Tod dann amtlich spätestens nach einer Woche bestätigt, erhalten die Hinterbliebenen eine einmalige Vergütung. Gibt es keine Angehörigen, fällt der Betrag zurück in die Staatskasse. Keine Renten- oder Pensionszahlungen, keine Belastungen für die Krankenkassen und die Allgemeinheit mehr. Nur noch junge, gesunde und dynamische Menschen, denen der Anblick auf Hinfälligkeit und der Ausblick auf das eigene Ende fortan erspart bleibt. Ich frage mich, warum die Wissenschaft immer noch so versessen darauf ist, unser Leben zu verlängern.
Ich wünsche der „jungen Seniorin“ aus der Anzeige jedenfalls viel Erfolg bei ihrer Wohnungssuche (hoffentlich hat sie keine alten Vermieter) und bedanke mich unbekannterweise für die thematische Anregung.
Ich bin mir der Einseitigkeit meines Beitrages bewusst, kenne etliche junggebliebene (ich hasse dieses Adjektiv!) Alte und kenne viele Redewendungen und Aphorismen bezüglich der Vorteile des Alterns und des Alters, hatte aber Lust, einmal die dunkle Seite zart anzustrahlen. Den, aus dieser novembergrauen Stimmung heraus geborenen, despektierlichen Titel möge man mir verzeihen. Auch wenn die Doppelbedeutung zwar erwünscht ist, so ist dennoch hier nicht ‚der Alte‘, sondern ‚das Alter‘ gemeint. 👵