Fachwerk-Methode: Die Dreiakt-Struktur beim Schreiben nutzen

Das Leben mitten in einer von Fachwerkhäusern geprägten Altstadt – unser Nachbarhaus könnte Geschichten aus dem Dreißigjährigen Krieg erzählen –, inspirierte mich zur Aufbau-Methode für mein aktuelles Schreibprojekt. Ich nenne sie meine Fachwerk-Methode. Schritt auf Schritt nacheinander abgearbeitet, nähere ich mich meinem Ziel. Ich bin Grundstücksbesitzer, Bauherr, Architekt, Handwerker und schlussendlich hoffentlich Hauseigentümer in Personalunion, denn ich bin Selfpublisher.

1. Das Grundstück

Zunächst suchte ich ein geeignetes Grundstück, auf das ich mein ›Gebäude‹ stellen will: das Genre und meine Zielgruppe. Wird es ein Rathaus (Sachbuch) oder ein Informationszentrum (Ratgeber), eine Fabrik (ein Kochbuch), ein Kino (Bildband, Bilderbuch), ein Campingplatz oder Zoo (Anthologie, Gedichtsammlung)

oder ein Wohnhaus (Roman)? In diesem Fall soll ein kleines Fachwerkhaus, ein Low Fantasy Roman (magischer Realismus) für eher junge Leser jeden Geschlechts, aber kein reines Jugendbuch, entstehen.

2. Das Fundament

Auf diesem Boden wird ein solides Fundament errichtet, der feste Untergrund aus einer tragfähigen Idee oder einem Pitch. Ich bekomme einen ersten Eindruck von der Größe, vom Umfang. Was soll wie erzählt werden? Perspektiven und Tempi werden fixiert. Eine Bauzeichnung (Schema, Zeitstrahl, Stammbäume) kann helfen, den Überblick zu behalten.

3. Das Skelett/Gerüst

Form follows function, war schon im Industriedesign mein persönlicher Leitfaden. Das Gebäude nimmt endlich formale Gestalt an. Schwelle und Rähm (für Akte oder Teile), Ständer (für Kapitel), Streben (für Spannungsbögen) bilden die horizontalen, vertikalen und schrägen Rahmenbedingungen für ein statisch belastbares Fachwerk-Gerüst. 

Je sorgfältiger bei dieser Struktur gewerkelt wird, desto leichter geht die Folgearbeit von der Hand. Das habe ich auf höchst frustrierende Weise erst selbst erleben müssen, nachdem ich das Projekt beinahe aufgegeben hätte. Ich beging den großen Fehler, einfach draufloszubauen bis zu dem Punkt, wo alles einstürzte. Hatte ich mich auch für dieses Buch auf meinen entdeckenden ‚Pantser‘-Instinkt verlassen, gehofft ohne Plotten nur meinen Figuren folgen und ihnen zuhören zu müssen, führten sie mich jetzt mal in die Irre, mal an der Nase herum. Warum? Weil ich in Wahrheit bloß auf einen bequemen Weg aus war. Schlussendlich half nur der Abriss! Die Rahmenstruktur hängt nicht vom Autor, sondern von der Erzählung selbst ab und die kenne nur ich. Jede Story fordert ein anderes Vorgehen. Keine fremde Struktur löste deshalb mein Problem, weshalb ich eine flexiblere, ein Mix aus Plot und Discovery finden musste. 

Das Baumaterial hatte ich noch, und so startete ich zu Beginn meiner Digital Detox Fastenzeit gänzlich neu mit der bekannten Dreiakt-Struktur: Setup, Confrontation, Resolution, also Ausgangssituation, Konflikt und Auflösung. Ausführlichere Tipps zum Dreiakter gibt es zuhauf im Internet und in vielen Ratgebern. Drei ausbaufähige Etagen sind für meine Story ideal, da sich die Zahl auch inhaltlich wiederfindet. Aber ich halte mich nicht an die empfohlene Feineinteilung des Dreiakters, in dem jedem Kapitel ein bestimmter Handlungsschritt zugewiesen wird. Das ist mir zu eng. Wichtig ist eine konstante Entwicklung der Protagonisten und eine Handlung mit Vorschub zu ermöglichen und die notwendigen Wendepunkt zu setzen, die eine Veränderung auslösen.

So plante ich den groben Plot mit zeitlichen Abläufen und fixierte alle wichtigen Eckdaten, Settings und Charaktere. Da ich auf zwei Zeitebenen unterwegs bin, muss das zeitlich korrekt recherchiert und Spannungsbögen verbaut werden! Der letzte Akt ist die Dachetage – hier spitzt sich alles buchstäblich zu! Darüber hinaus habe mich im Erdgeschoss zu einem kleinen Anbau mit dem Haupteingang, der hoffentlich einen einladenden Einstieg verheißt: den Prolog.

4. Das Dach

Die zugespitzte Dachetage ist der abschließende Höhepunkt, der Showdown. Sie ist zugleich Speicher für alle relevanten Kerninformationen. Alles läuft jetzt zusammen und verleiht dem Haus Halt.

Ich habe mich, als Pendant zum Prolog, zusätzlich für einen Epilog entschieden. Das wird meine Dachgaube. Sie ermöglicht einen kleinen Ausblick in eine neue, andere Richtung (womöglich ein Cliffhanger für einen Folgeband?). Prolog und Epilog sind keine unnützen Appendizes, sie sind geplante Anbauten und somit Teile der Form und Struktur!

5. Das Gefache

Das Gerüst steht endlich. Nun kann es Etage für Etage mit Text gefüllt werden. Für meinem Dreiakter heißt das, im Umfang etwas abweichend vom klassischen Muster, auf den 1. und 3. Teil entfallen jeweils etwa 30% (inklusive Prolog, bzw. Epilog) des Gesamttextes und auf den mittleren Teil die restlichen 40% des Gesamttextes. Am Ende des 1. und 2. Teils ist jeweils ein Plotpoint und in etwa der Mitte des 2. Teils ein Midpoint kalkuliert. Ein Roman dieses Genres hat durchschnittlich 100.000 bis 120.000 Wörter (+/- 10%). Entsprechend teilte ich mir meinen (Papyrus Autor-) Arbeitsplan grob auf. Trotzdem will ich flexibel bleiben und mich spontan für Änderungen der Kapitel- oder Wörterzahl entscheiden dürfen. 

Da ich den Plot absichtlich nicht sehr detailliert ausgearbeitet habe, ›mauere‹ ich ihn in Mini-Etappen und plane nur die nächsten Szenen oder Kapitel. Dabei nie die Logik aus den Augen verlieren! Im Mauerwerk lasse ich immer wieder Öffnungen und ›Dehnungsfugen‹, also Blankostellen für Details, die ich mit entsprechenden Randkommentaren versehe, um sie später, ohne Unterbrechung des Schreibflusses mit Feinarbeiten zu füllen. Zur Belebung werden Fenster/Ausblicke eingesetzt (kleine Abschweifungen).

6. Innenausbau

Dieser Schritt ist der finale und wichtigste! Erst durch mehrfache Überarbeitung wird das Haus zum fertigen, bewohnbaren Werk, in dem sich Bewohner und Gäste hoffentlich wohlfühlen werden. Sie ist zeitaufwendig, aber unabdingbar, will man ein ästhetisch und inhaltlich überzeugendes Ergebnis, eine Bauabnahme. Sprache, Tonalität, Stimmung, Stil, Jagd auf Fehler in Logik, Rechtschreibung und Interpunktion. Jeder hat eine andere Vorgehensweise. Während geübte und/oder talentierte Schreiber vielleicht schon nahezu druckreif schreiben, bin ich abhängig von meinen Überarbeitungen, da ich zunächst den Fokus auf die Ereignis-Abfolge richte, und erst in diesem letzten Schritt an Formulierungen feile. 

Zeit, sich gegebenenfalls Hilfe bei Zimmerleuten, Malern, Installateuren – also, Lektorat, Korrektorat, und Testleser – zu holen. Profis wären die beste, aber leider auch die teuerste Wahl und kommen für mich leider nicht in Betracht.

7. Putz/Fassade

Oft Stiefkind des gesamten Baus, insbesondere bei Selfpublishern. Und doch, das Haus benötigt Verputz, Zierrat, Schnitzerei, die den Erbauer benennen, eine Farbschema für den Schutzanstrich und Schmückendes, um zu gefallen und den einzigartigen Charakter zu unterstreichen. Beim Buch ist es die Covergestaltung, die egal, ob originell oder klassisch, aber stets werbewirksam ausfallen muss. Dem Klappentext, der Typografie und Grafik sollte sich der Bauherr oder ein Dienstleister ausgiebig und detailverliebt widmen. 08/15 bedeutet, unbeachtet in der Masse zu verschwinden.

8. Grundstücksgestaltung

Das Gebäude ist fertiggestellt, muss aber noch attraktiv in Szene gesetzt werden, einen würdigen Rahmen erhalten, ganz nach Geschmack und Intention. Nutzgarten oder Erholungsraum, für Angeber oder Ökos, junge Familie oder Senioren – kurz, die Werbetrommel für die erwünschte Zielgruppe sollte nun auf Hochtouren arbeiten. Am besten schon den Bau begleitend damit beginnen! 

Am Ende meiner oben erwähnten Fastenzeit wollte ich die Fertigstellung des ersten Rohbaus erreichen. Das wird eng werden, denn der dritte Akt ist soeben erst begonnen worden. Und doch bin ich weit gekommen nach dem Abriss, und die Motivation wurde mächtig gepusht! Vielleicht konnte ich mit meiner Vorgehensweise jemanden ermuntern, sich auch an einen eigenen Hausbau zu wagen? Möge Euch das gelingen und das Werk genauso lange überdauern wie das auf dem Titelfoto. Allerdings ist das nur ein Zweiteiler, aber immerhin mit Prolog und Epilog! 😉


Titelfoto von Anaterate auf pixabay/Foto im Text von AnnaER auf pixabay – vielen Dank!

Zukunft des Schreibens: Menschliches Genie oder KI?

Nahezu sämtliche, von mir verfolgten Diskussionen um den Einsatz von KI beim Schreiben von (vornehmlich) belletristischer Literatur scheinen mit dem Fazit zu enden: KI böse, Mensch gut. 

Es wird jedoch keine Umkehr geben, denn alles was möglich ist, setzen Menschen früher oder später um. Es geht also um den Umgang und die Akzeptanz von KI beim Schreibprozess. Selbstkritisch betrachtet, arbeiten KI und Mensch zudem längst nicht so unterschiedlich. Je früher wir einsehen, dass viele das menschliche Genie oft überbewerten und KI als seelenlos abstempeln, desto schwerer können wir die künftige Entwicklung annehmen und werden uns in der Rührseligkeit vergangener Zeiten und unserer Hybris aalen.

Auch ein menschliches Gehirn kann (wie KI) zunächst nur das speichern und ‚neu zusammenfügen‘, was zuvor hineingelangte. Ein (hoffentlich fiktiver) Mensch, der nie ein Buch las, nie Geschichten lauschte und keinerlei bildende Kontakte hatte, wird mitnichten in der Lage sein, ein Buch zu schreiben. Allein der Zugriff auf seine Seele, auf seine Emotionen reichen dafür nicht aus. Aus diesem Grund wird jedem neuen Schreibwilligen geraten, zunächst VIEL, sehr viel zu lesen, um den Gebrauch des ‚Werkzeugs‘ zu erlernen. 

Ergo: Auch wir setzen, wie die KI, genau genommen neu zusammen, was wir gespeichert haben. Da unsere Kapazität jedoch deutlich niedriger ist als die modernsten Rechner, speichern wir das ab, was uns besonders wichtig, von besonderer Tiefe oder Emotionalität erscheint – wir filtern, werten, speichern, und als Maßstab gilt unsere eigene Biografie. KI hingegen nimmt bedingungslos alles, was ihr zugeführt wird. Sie hat keine Wertvorstellung. Das bedeutet, im Kern tun wir das Gleiche, wenn wir schreiben. Ein Mensch schreibt nicht per se besser weil er aus Fleisch und Blut ist. Jede Redewendung hörten oder lasen wir schon, weshalb sie auch nicht wirklich die unsere ist. Auch unsere Plots stellen wir nur neu aus dem zusammen, was uns in Erinnerung geblieben ist und was wir dann anpassen. Das Rad ist längst erfunden. Natürlich hören wir das nicht gerne, denn wir wollen ja unsere Einzigartigkeit feiern. Wir leugnen, wir behaupten, besondere Einblicke, besondere Gefühle, eine besondere Sprache, einen eigenen Stil zu haben, aber selbst wenn das mal zutrifft, nimmt ein anderer Geist es auf und wandelt es in seine. So wie KI! By the Way: Einen Prompt für ein gutes KI-Buch schreibt auch kein Depp!

Es wird darauf hinauslaufen, dass der menschliche Geist und KI gemeinsam Texte erschaffen werden und der Leser entscheidet, ob ihn das Werk berührt, im hilft, ihn unterhält, ihn etwas lehrt, ihn in fremde Welten entführt oder nur Freude bereitet. In fünfzig Jahren wird es niemanden mehr interessieren, wie groß der jeweilige Anteil Mensch/Maschine sein wird. Das können wir bedauern, wir können heulen und mit den Zähnen klappern, aber weder verhindern noch aufhalten. Aber wir können an der eigenen Anspruchsschraube drehen in dieser Kooperation. Wir können dem Kommerz folgen und den Markt bedienen mit dem, was wie geschnitten Brot läuft. Doch sollten auch Bücher für Menschen verfasst werden, die sich dafür entscheiden, nicht nur Zeit totzuschlagen und Spaß zu haben, sondern etwas höhere Ziele verfolgen. Also Henne oder Ei? 

Der Sektor TV ist dieser Frage minimal voraus und die Entwicklung ist mehr als traurig. Das Medium befriedigt ausschließlich den Massengeschmack, je trashiger, desto besser. Ergebnis: Die Zuschauer wollen immer mehr von dem Mist. Kein Bildungsfernsehen, sondern Erziehung zum Gegenteil, womit zwangsläufig die Nachfrage steigt. In Kombination zum tumben Digitalangebot von entsprechenden Plattformen, zeichnet sich ein düsteres Bild für unsere Zukunft, unseren IQ ab. Und der Buchmarkt ist im Begriff eine ähnliche Entwicklung zu verfolgen: Bedienung des Massengeschmacks, billig und schnell produziert (KI sei Dank) für den schnellen Verzehr ohne Nachklang. In einem ist uns die Technologie überlegen: Sie ist schneller, sie ist präziser.

Wir können den fließend einsetzenden KI-Support oder sogar gänzlich von KI geschriebene Bücher nicht verhindern, aber wir können an unserem eigenen Vorlieben und dem Anspruch arbeiten. Bleiben 08/15 Bücher in den Regalen stehen (egal ob von Mensch oder KI) wird der Buchmarkt sich selbst regulieren. Angst muss letztlich nur der Schreibende haben, der schon jetzt spürt, das Rennen zu verlieren.

Ähnlich verhält es sich mit KI generierten Bildern. Und doch gab es über die Zeiten unvergessene Talente, die Herausragendes schufen. Heute dienen sie als Trainingsmaterial für einen Prompt, wie bspw. „Bitte generiere mir ein Bild von einem Mohnfeld in Stil von van Gogh“. Dennoch entsteht keine wirkliche Kunst.


Das Titelbild ist von Fran Soto auf pixabay – vielen Dank!

Auf einen Kaffee?

„Haste mal ’n Euro“ oder „Spendier mir einen Kaffee“?

Ist euch mal aufgefallen, wie viele Autoren ihre Kaffeepräferenz wie ein Gütesiegel thematisieren? Kaum eine Kurzbiografie, in der nicht steht, dass sie vorgeblich nur schreiben können, wenn (oder weil?) sie sich reichlich mit diesem Stöffchen abfüllen. Was will man dem Leser damit sagen? Hey, ich bin gemütlich, mit mir kann man sogar Kaffee trinken? Hallo, ich bin erwachsen und darf schon Kaffee trinken? Oder: Ich trinke Kaffee und schreibe deshalb besser als Teetrinker? Oder gar: Ich bekenne mich lieber offen zu meinem Kaffeeproblem, damit niemand merkt, wie hochprozentig ich tatsächlich unterwegs bin?

☕️

Sollten meine Trinkgewohnheiten tatsächlich in irgendeinem, mir allerdings vollkommen unbekannten, Zusammenhang mit der literarischen Qualität meiner Texte stehen, bitte ich um Entschuldigung, denn ich gehöre zur Nullpromill-Allestrinker-Fraktion. Ein jedes zu seiner Zeit, wie ich finde, und mit gelegentlichen Ausnahmen! Jetzt fragt sich der geneigte Leser vielleicht, warum ich hier über Kaffeegenuss schwadroniere. Umschweife liebend schlage ich deshalb jetzt schnell den weiten Gedankenbogen zu einem herzigen Kaffeebecher, dem ich kürzlich verfallen bin. Er ist das Logo der englischsprachigen Support-Plattform Ko-fi (höre ich da ‚Coffee‘ heraus?), einer vereinfachten Alternative zu Patreon, wie ich finde. Beide unterstützen Freelancer und Independent-Künstler.

☕️

Schreibt man wie ich ohne Unterstützung eines Publikumsverlags, ist es bekanntlich die große Ausnahme, dass allein aus dieser Tätigkeit nennenswerte Einkünfte erwachsen. Schriebe ich für mich selbst in ein Notizbuch, so wäre das eine  befriedigende, schöne Beschäftigung, die Geist und Seele guttut. Veröffentliche ich jedoch die auf diese Weise entstehenden Texte, so ist das im geringsten Fall ein recht teures Hobby, in der Mehrzahl der Fälle aber ein zeit- und geldfressendes Frustrationserlebnis. Meine Absicht ist es, Geschichten zu erzählen – meine eigene und fiktive, mit dem vorrangigen Ziel, zu unterhalten. Doch durch ein Buch unterhalten werden kann nur der, der es liest. 

☕️

Für jede Art der Unterhaltung muss Geld in die Hand genommen werden, ob es Streamingdienste sind, die uns Filme, Musik oder Gaming wie Pizza liefern, die aufgezwungene GEZ-Gebühr für das klassische TV-/Radio-Angebot, digitale oder Print-Ausgaben von Zeitschriften und Büchern – all diese Angebote sind keineswegs gebührenfrei. Und wenn sie auf den oberflächlichen Blick so wirken, lauert versteckt die Werbungsfalle. Nur weil Selfpublisher sich selbst um ihr Projekt von A-Z kümmern und bemühen müssen, Dienstleistungen dafür aus eigener Tasche bezahlen, sollen sie das Ergebnis ihrer Mühen kostenlos unters Volk bringen? Rezensionsexemplare großzügig verschenken, nur um an die begehrte Ware einer möglichst positiven Buchbesprechung im Handel zu kommen, die zudem wegen einer gedanklichen Schieflage ad absurdum geführt wird? Potentielle Käufer vertrauen aus diesem Grund generell auf die Ehrlichkeit von Rezensionen immer weniger, bzw. könnte, wer nur auf sie vertraut, eine herbe Enttäuschung erleben. Es gibt etliche Selfpublisher, deren Bücher viel und berechtigt positiv besprochen werden, deren Buchverkäufe dennoch lächerlich gering sind. Ich selbst habe für dieses Dilemma keine Lösung parat.

☕️

Der Anspruch an die Ergebnisse der Selfpublisher ist vollkommen zu recht in den vergangenen Jahren gestiegen. Profiteure sind natürlich die Leser, aber auch sämtliche Dienstleister rund um die selbstverlegten Werke, denn kaum eine Autorin oder ein Autor, kann gleichermaßen alles perfekt selbst erledigen. Verfasser sind auf professionelle Cover- und Buchblock-Gestaltung, auf Korrektorate und Lektorate und vieles mehr angewiesen, soll das Ergebnis auch nur annähernd mit einem Verlagsbuch konkurrieren können. Eine Dienstleistungslücke klafft allerdings noch für die Hilfe nach der Fertigstellung des physischen oder digitalen Werkes: Das Marketing! Für (zu) viel Geld kann allenfalls Messepräsenz gebucht werden oder eine Produktplatzierung in ausgesuchten Buchläden, samt Merchandise-Artikeln, aber dann wird die Luft leider schon dünn! Buchblogger wollen angefüttert werden mit Freiexemplaren und möglichst einem zusätzlichen Paket „Drachenfutter“, wenn sie denn das heiße Eisen Selfpublisher überhaupt in die Hand nehmen wollen. Bei der erdrückenden Flut von Neuerscheinungen ist die verkaufsrelevante Zeit schneller um, als man gucken kann, und, schwupps, ist das Buch aus dem Rennen! Schuld trägt man für das schlechte Ergebnis, glaubt man Social Media, selbst, denn dann „hat man sich einfach nicht genug exhibitioniert“. Niemand erinnert sich am Strand an die letzte Welle, die sanft über die Füße rollte, außer, sie hat uns ins Straucheln gebracht oder buchstäblich umgehauen.

☕️

Es gibt etliche Gründe, warum der gesamte Markt rund um´s Buch so schwierig geworden ist, ich müsste ein ganzes darüber schreiben, ohne das Rätsel vollständig lösen zu können. Es ist wie es ist. Punkt. Ich bin ü70 und in mehr als einer Hinsicht gesellschaftlich ausgemustert. Wettbewerbe, Förderpreise, Jobangebote … ich sehe vor meinem geistigen Auge überall das Schild, das außen an Fleischereien hängt und einen angeleinten Hund zeigt, daneben die Zeile „Wir müssen draußen warten!“. Bei Nachwuchs denkt niemand an Altgehölze.

☕️

Darin steckt aber zugleich ein Quäntchen Freiheit, denn ich würde gerne noch einige Geschichten lesen, aber auch erzählen und veröffentlichen. Ein kleines, radikales „Jetzt erst recht“! An diesem Punkt angekommen, entdeckte ich Ko-fi – den Kaffeebecher mit Herz mit der bekannten, anpassbaren Call-to-action „Buy me a coffee“. Jetzt habe ich mich zu einem winzigen Shop dort durchgerungen, der (allein wegen der physischen Gegenleistung) transparenteste Support, wie ich finde. Meine Interpretation, wie ich für mich solche Tips, also kleine Trinkgelder, definiere, hatte ich im Januar 2021 in die Geschichte „Der Tellepott“ gekleidet, die ich hier zu Erinnerung noch einmal verlinke. Meine Bücher biete ich dort nicht an, denn sie sind sowohl im Handel bestellbar oder online als auch bei den jeweiligen Dienstleistern (BoD, story.one, Amazon) erhältlich.

☕️

Es wäre schön, wenn ihr mich in meinem Ko-fi-Shop mal besuchen kommt – vielleicht ist das auch eine Idee, die für euer kreatives Schaffen in Betracht käme? Ich würde mich freuen! Neue Marketingwege sind leider rar wie wilde Edelweißvorkommen auf Rügen, weshalb sie Selfpublisher derzeit vergeblich suchen.

Schreibt in die Kommentare, wenn ihr das anders seht oder irgendwo Licht am Horizont erkennt und ❤️-lichen Dank für eure Zeit!


Beitragsfoto der Tasse für Collage: poohchisa tunsiri auf Pixabay – vielen Dank!

Happy Birthday, mein Hase!

Das erste Jahr.

Vergangenen Sonntag – wie´ s der Zufall will, auch Muttertag – feierte mein Memoir-Angsthase sein erstes Wiegenfest. Menschenkinder stehen in diesem Alter schon auf ihren Beinchen, beherrschen die Küstenschifffahrt (das Herumlaufen mit Hand-Möbel-Kontakt) oder sie sind sogar schon aus dem Hafen ausgelaufen, um, immer noch in Hafennähe, freie Gewässer zu erobern.

Mein Buch ist längst nicht so weit. Und das liegt keineswegs am Kind, sondern an mir, der ängstlichen Mutter, die dem Kind zu wenig zutraut und sich selbst noch viel weniger. Ich habe die Mühen unterschätzt, dass Mütter und Väter, die ohne Verlagsbetreuung ihre Kinder großziehen müssen, ständig auf Elternabende eilen und permanent mit anderen Eltern eng vernetzt sein müssen, um uns über unsere lieben Kleinen auszutauschen und sie so zu fördern. 

Es ist faszinierend, wie ähnlich dann das Vergleichen der Buchkinder geschieht – ganz so, wie auf den Spielplätzen und Elterntreffen unserer zweibeinigen, wirklichen Kinder. Es wird geprahlt, gemessen, abgewogen, getröstet, gepriesen, gepfiffen und getrommelt! Bedauerlicherweise ist das nicht meine Kernkompetenz und ich lobe mich schon, hier den Geburtstag kund zu tun! Ähnlich verhält es sich mit der Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung. Ein in vielfältiger Weise auffälliges Kind wird in der Masse eher wahrgenommen als ein schüchternes.

Das erste Menschenjahr ist eines der großen Entwicklungssprünge, aber dennoch liegen ebenso wichtige Etappen noch vor dem Kind. Hingegen ist für Buchkinder das allerwichtigste Jahr, das erste Jahr nach dem Erscheinen, nun vorüber! Es setzt allmählich die Zeit des Vergessens ein. Eine schmerzliche Erkenntnis nach der langen, beschwerlichen Schwangerschaft. Aber vielleicht sind bald die nächsten Kinder unterwegs und wir Eltern haben von den Erfahrungen mit den älteren Geschwister gelernt?

Ein Buch ist erst dann vergessen, wenn es nicht mehr gelesen wird!


Beitragsfoto-Collage: Hase von Lutz Peter, Kerze von rmadison auf Pixabay – vielen Dank!