Fachwerk-Methode: Die Dreiakt-Struktur beim Schreiben nutzen

Das Leben mitten in einer von Fachwerkhäusern geprägten Altstadt – unser Nachbarhaus könnte Geschichten aus dem Dreißigjährigen Krieg erzählen –, inspirierte mich zur Aufbau-Methode für mein aktuelles Schreibprojekt. Ich nenne sie meine Fachwerk-Methode. Schritt auf Schritt nacheinander abgearbeitet, nähere ich mich meinem Ziel. Ich bin Grundstücksbesitzer, Bauherr, Architekt, Handwerker und schlussendlich hoffentlich Hauseigentümer in Personalunion, denn ich bin Selfpublisher.

1. Das Grundstück

Zunächst suchte ich ein geeignetes Grundstück, auf das ich mein ›Gebäude‹ stellen will: das Genre und meine Zielgruppe. Wird es ein Rathaus (Sachbuch) oder ein Informationszentrum (Ratgeber), eine Fabrik (ein Kochbuch), ein Kino (Bildband, Bilderbuch), ein Campingplatz oder Zoo (Anthologie, Gedichtsammlung)

oder ein Wohnhaus (Roman)? In diesem Fall soll ein kleines Fachwerkhaus, ein Low Fantasy Roman (magischer Realismus) für eher junge Leser jeden Geschlechts, aber kein Jugendbuch, entstehen.

2. Das Fundament

Auf diesem Boden wird ein solides Fundament errichtet, der feste Untergrund aus einer tragfähigen Idee oder einem Pitch. Ich bekomme einen ersten Eindruck von der Größe, vom Umfang. Was soll wie erzählt werden? Perspektiven und Tempi werden fixiert. Eine Bauzeichnung (Schema, Zeitstrahl, Stammbäume) kann helfen, den Überblick zu behalten.

3. Das Skelett/Gerüst

Form follows function, war schon im Industriedesign mein persönlicher Leitfaden. Das Gebäude nimmt endlich formale Gestalt an. Schwelle und Rähm (für Akte oder Teile), Ständer (für Kapitel), Streben (für Spannungsbögen) bilden die horizontalen, vertikalen und schrägen Rahmenbedingungen für ein statisch belastbares Fachwerk-Gerüst. 

Je sorgfältiger bei dieser Struktur gewerkelt wird, desto leichter geht die Folgearbeit von der Hand. Das habe ich auf höchst frustrierende Weise erst selbst erleben müssen, nachdem ich das Projekt beinahe aufgegeben hätte. Ich beging den großen Fehler, einfach draufloszubauen bis zu dem Punkt, wo alles einstürzte. Hatte ich mich auf Aussagen gestützt, wie unnötig plotten sei, man müsse nur seinen Figuren folgen und ihnen zuhören. Meine führten mich daraufhin mal in die Irre, mal an der Nase herum, denn in Wahrheit hoffte ich bloß auf einen bequemen Weg. Schlussendlich half nur der Abriss! Die Rahmenstruktur hängt nicht vom Autor, sondern von der Geschichte ab, die erzählt werden soll und die kenne nur ich. Keine fremde Methode löste deshalb mein Problem, da sie zu mir zu starr waren. Ich musste eine flexiblere finden oder vorhandene anpassen. 

Das Baumaterial hatte ich noch, und so startete ich zu Beginn meiner Digital Detox Fastenzeit gänzlich neu mit der einfachen, sicherlich bekannten Dreiakt-Struktur: Setup, Confrontation, Resolution, also Ausgangssituation, Konflikt und Auflösung/Klimax. (Ausführlichere Tipps zum Dreiakter gibt es zuhauf im Internet und in etlichen Ratgebern.)  Drei ausbaufähige Etagen sind für meine Story ideal, da sich die Zahl auch inhaltlich wiederfindet. Aber ich halte mich nicht an die empfohlene Feineinteilung des Dreiakters, in dem jedem Kapitel ein bestimmter Handlungsschritt zugewiesen wird. Das ist mir zu eng. Wichtig ist nur, die konstante Entwicklung der Protagonisten und eine Handlung mit Vorschub zu ermöglichen und die Wendepunkt zu setzen, die eine Veränderung auslösen.

So plante ich den groben Plot mit zeitlichen Abläufen und fixierte alle wichtigen Eckdaten. Da ich auf zwei Zeitebenen unterwegs bin, muss das zeitlich korrekt recherchiert und interessante Spannungsbögen verbaut werden! Der letzte Akt ist die Dachetage – hier spitzt sich alles buchstäblich zu! Darüber hinaus habe mich im Erdgeschoss zu einem kleinen Anbau mit dem Haupteingang, der hoffentlich einen einladenden Einstieg verheißt: ein Prolog.

4. Das Dach

Die zugespitzte Dachetage ist der abschließende Höhepunkt, die Klimax. Sie ist zugleich Speicher für alle relevanten Kerninformationen. Alles läuft jetzt zusammen und verleiht dem Haus Halt. Showdown! 

Ich habe mich, als Pendant zum Prolog, zusätzlich für einen Epilog entschieden. Das ist meine Dachgaube. Sie ermöglicht einen kleinen Ausblick in eine neue, andere Richtung (womöglich ein Cliffhanger für einen Folgeband?). Prolog und Epilog sind keine unnützen Appendixe, sie sind geplante Anbauten und somit Teile der Form und Struktur!

5. Das Gefache

Das Gerüst steht endlich. Nun kann es Etage für Etage mit Text gefüllt werden. Bei meinem Dreiakter heißt das, im Umfang etwas abweichend vom klassischen Muster: Auf den 1. und 3. Teil entfallen jeweils etwa 30% (inklusive Prolog, bzw. Epilog) des Gesamttextes und auf den mittleren Teil die restlichen 40% des Gesamttextes. Am Ende des 1. und 2. Teils ist jeweils ein Plotpoint und in etwa der Mitte des 2. Teils ein Midpoint kalkuliert. Ein Roman dieses Genres hat durchschnittlich 100.000 bis 120.000 Wörter (+/- 10%). Entsprechend teilte ich mir meinen (Papyrus Autor-) Arbeitsplan grob auf. Trotzdem will ich flexibel bleiben und mich spontan für Änderungen der Kapitel- oder Wörterzahl entscheiden dürfen. 

Da ich den Plot absichtlich nicht sehr detailliert ausgearbeitet habe, ›mauere‹ ich ihn in Mini-Etappen und plane nur die nächsten Szenen oder Kapitel. Dabei nie die Logik aus den Augen verlieren! Im Mauerwerk lasse ich immer wieder Öffnungen und ›Dehnungsfugen‹, also Blankostellen für Details, die ich mit entsprechenden Randkommentaren versehe, um sie später, ohne Unterbrechung des Schreibflusses mit Feinarbeiten zu füllen. Zur Belebung werden Fenster/Ausblicke eingesetzt (kleine Abschweifungen).

6. Innenausbau

Dieser Schritt ist der finale und wichtigste! Erst durch mehrfache Überarbeitung wird das Haus zum fertigen, bewohnbaren Werk, in dem sich Bewohner und Gäste hoffentlich wohlfühlen werden. Sie ist zeitaufwendig, aber unabdingbar, will man ein ästhetisch und inhaltlich überzeugendes Ergebnis, eine Bauabnahme. Sprache, Tonalität, Stimmung, Stil, Jagd auf Fehler in Logik, Rechtschreibung und Interpunktion. Jeder hat eine andere Vorgehensweise. Während geübte und/oder talentierte Schreiber vielleicht schon nahezu druckreif schreiben, bin ich abhängig von meinen Überarbeitungen, da ich zunächst den Fokus auf die Ereignis-Abfolge richte, und erst in diesem letzten Schritt an Formulierungen feile. 

Zeit, sich gegebenenfalls Hilfe bei Zimmerleuten, Malern, Installateuren – also, Lektorat, Korrektorat, und Testleser – zu holen. Profis wären die beste, aber leider auch die teuerste Wahl und kommen für mich leider nicht in Betracht.

7. Putz/Fassade

Oft Stiefkind des gesamten Baus, insbesondere bei Selfpublishern. Und doch, das Haus benötigt Verputz, Zierrat, Schnitzerei, die den Erbauer benennen, eine Farbschema für den Schutzanstrich und Schmückendes, um zu gefallen und den einzigartigen Charakter zu unterstreichen. Beim Buch ist es die Covergestaltung, die egal, ob originell oder klassisch, aber stets werbewirksam ausfallen muss. Dem Klappentext, der Typografie und Grafik sollte sich der Bauherr oder ein Dienstleister ausgiebig und detailverliebt widmen. 08/15 bedeutet, unbeachtet in der Masse zu verschwinden.

8. Grundstücksgestaltung

Das Gebäude ist fertiggestellt, muss aber noch attraktiv in Szene gesetzt werden, einen würdigen Rahmen erhalten, ganz nach Geschmack und Intention. Nutzgarten oder Erholungsraum, für Angeber oder Ökos, junge Familie oder Senioren – kurz, die Werbetrommel für die erwünschte Zielgruppe sollte nun auf Hochtouren arbeiten. Am besten schon den Bau begleitend damit beginnen! 

Am Ende meiner oben erwähnten Fastenzeit wollte ich die Fertigstellung des ersten Rohbaus erreichen. Das wird eng werden, denn der dritte Akt ist soeben erst begonnen worden. Und doch bin ich weit gekommen nach dem Abriss, und die Motivation wurde mächtig gepusht! Vielleicht konnte ich mit meiner Vorgehensweise jemanden ermuntern, sich auch an einen eigenen Hausbau zu wagen? Möge Euch das gelingen und das Werk genauso lange überdauern wie das auf dem Titelfoto. Allerdings ist das nur ein Zweiteiler, aber immerhin mit Prolog und Epilog! 😉


Titelfoto von Anaterate auf pixabay/Foto im Text von AnnaER auf pixabay – vielen Dank!